Fühlen und Denken

Um beispielsweise diesen Text zu verstehen, hat ein jeder von uns eine wunderbare und geheimnisvolle Vernetzung von rund 100 Milliarden Nervenzellen im Kopf! Wie könnten wir besser unser Denken anregen, als mit dem Versuch, uns diese Struktur vorzustellen?

Etwas Wesentliches, was sich von einem Gedanken, einer Idee oder einem Begriff sagen lässt, scheint mir bereits in der Erscheinung einer Nervenzelle sichtbar zu werden. Zentrum und Verzweigungen sind in ihrer Ausformung von einmalig-wunderbarer Schönheit. Stellen wir uns sie allein etwa als Bild für einen Gedanken vor, wird gleich anschaulich was er sein sollte – einmalig und unendlich in seiner Möglichkeit der Vernetzung und Assoziierung.

Die einzelne Zelle schon so anschaulich für lebendige Gedanken, Empfindungen und Ideen ist doch als Bild ohne ihre Vernetzung noch unzureichend. Eine jede unterscheidet sich von jeder anderen und wenn wir darüber hinaus zur Kenntnis nehmen, dass alle in Billionen Synapsen unterschiedlich untereinander verbunden sind, haben wir eine Struktur vor uns, deren Komplexität uns schwindlig machen muss: Denn wie stark sie verbunden sind, wie oft oder selten, wie kurz oder lang und auf welchen Bahnen diese Struktur von Impulsen durchströmt wird, ist stufenlos bzw. analog. Die Möglichkeiten des Denkens gehen ins Unendliche, und der Versuch, es in Kategorien einordnen zu wollen, werden ihm nie entsprechen können. Mir scheint schon damit widerlegt, dass es Realitäten geben kann, welche unser Denken nicht zu reflektieren vermag, wie zuweilen behauptet. Was uns vielmehr wirklich hindert, Verständnis zu bilden, ist die Vorstellung und damit selbst gesetzte Begrenzung des Denkens im Rahmen von Kategorien.

Damit sei nicht geleugnet, dass unser Gehirn nach Gesetzten aufgebaut ist und in Mustern lebt, ohne die wir uns in seiner Grenzenlosigkeit hoffnungslos verlieren würden. Unsere Herausforderung besteht aber darin, Gesetzte und Muster als lebendige Prozesse zu realisieren, und in einem lebendigen Gleichgewicht weder einerseits uns zu verlieren, noch andererseits zu verfestigen.

Anders als im Titel verheißen, habe ich begonnen mit Gedanken, vielleicht wie gezwungen, weil es mir als Kind meiner Kultur nicht anders möglich erschien. Um so mehr will ich hervorheben, dass jedes Denken eigentlich eher mit Gefühlen beginnt oder beginnen sollte, auf jeden Fall aber, und egal was vor dem anderen kommt, zwischen beiden eine fortwährende lebendige Wechselwirkung bestehen muss: So wie Herzkreislaufsystem und Zentralnervensystem als Einheit Voraussetzung des lebendigen Organismus sind, so lassen sich auch Gefühle und Gedanken als Pole derselben Einheit verstehen, welche getrennt voneinander verhärten und absterben müssen.

Denn so unterschiedlich Gefühle und Gedanken innerhalb eines Prozesses gewichtet sein mögen, insgesamt sollten wir jeden Gedanken fühlen und jedes Gefühl denken können. Erst die Ergänzung beider Pole vervollständigen sich und führen zu Lebendigkeit und Inspiration. Wir sind angewiesen auf Empfindungen, welche unsere Gedanken immer wieder heben und lösen, vergleichbar mit einem Strom, welcher seine vereiste Oberfläche auftauen und transparent werden lässt. Versäumen wir beim Nachdenken nicht eine immer erneute und fortwährende Befragung unserer Empfindungen, (sozusagen als eine wörtlich und im umgekehrten Sinne verstandenen Psychoanalyse) wird sich in unserem Gefühl alles das sammeln, was wir bewusst reflektierend nie überblicken könnten.

Lebendige Wahrnehmung

So wie an jeder auch nur etwas weitergehenden Bewegung gleich unserer gesamter Bewegungsapparat beteiligt ist, so muss auch an weiterführenden Gedanken so gut als jede Zelle beteiligt sein und vom Herzen durchblutet werden. Spinnen wir das Bild weiter und sehen mit unterschiedlichen Körperhaltungen und Standpunkten unterschiedliche Begriffsmöglichkeiten auf das, was in und um uns ist, so deutet sich schon an, dass Wahrnehmung bedeutet, sich innerhalb eines Prozesses zu bewegen. Die Ansicht des einzelnen Standpunktes ist zu selektiv und Realität zu komplex, als dass wir ohne Bewegung zu lebendiger und vielseitiger Wahrnehmung gelangen könnten. Was um den Preis von radikal reduzierender Wahrnehmung noch angehen mag, wird spätestens im Verstehen-wollen von Lebendigem und schließlich (Zwischen)menschlichem unmöglich. (Und gibt uns nicht selbst Materie, welche wir gerne geneigt sind als greifbar und äußerlich zu bezeichnen, die allergrößten Rätsel auf?)

So wenig ich daher über mich und Andere erhaben sein kann, so wenig sollte ich darauf aus sein, über mich selbst und Andere zu denken und zu reden. Ansichten einer Person sind immer selbst schon Handlungen und Teil einer Auseinandersetzung, indem sie nie ganz losgelöst sein können vom Verhältnis zu ihr, und dem Vermögen sie wahrzunehmen. Eine Spaltung zwischen Wahrnehmen und Handeln hat daher immer etwas Gewaltsames und kann doch nie endgültig sein. Um ihrer Untrennbarkeit gerecht zu werden, bin ich besser von vornherein darauf aus, von der Person, oder noch besser im Dialoges mit ihr zu reden, auch unabhängig von ihrer Gegenwart und in Erwartung dessen, dass sich mit meinen Gedanken, Empfindungen und Ansichten meine Kenntnis von ihr ändern bzw. erneuern muss und sie sich so darin gleichsam freier bewegen kann.

Was wir demnach vom Leben und einem Menschen zu kennen meinen, sollten wir nie als so bedeutend einschätzen wie das Vertrauen und den Glauben in seine Möglichkeiten. Viele werden daraus schließen, dass man gegenüber der eigenen Kenntnis ein ständiges Misstrauen aufbauen müsste und verkennen, dass eine solche Offenheit zu einem Vertrauen führt, welches gerade in seiner Beweglichkeit viel tragfähiger und nachhaltiger sein wird.

Uns und Andere als fragwürdig zu verstehen, kann ja ebenso aus bestehendem Vertrauen in eben jene Tragfähigkeit und Nachhaltigkeit erfolgen, wenn ich Grund habe, für möglich zu halten, dass meine Infragestellung meine Kenntnis nicht als Lüge und Illusion bloßstellt, sondern wie in neuem Licht ergänzen und erneuern wird. Daraus folgt auch, dass die Scheu und Angst vor Infragestellung, aus dem Misstrauen in die Beständigkeit meiner Kenntnis hervorgehen kann. Unabhängig also von Vertrauen oder Misstrauen, fragwürdig bleiben wir so oder so.

Eine Ansicht für sich ist wohl selten im eigentlichen Sinne falsch, solang ich sie als eine Sicht der Dinge zu ergänzen und erneuern bereit bin. Erst die einseitige Ansicht in sich verhärtet, unbeweglich geworden und umfassend vertreten, wird nur als Vereinseitigung und Illusion bestehen können oder in sich zusammenbrechen.

Stellen wir uns dazu den Standpunkt eines Baumes vor, welcher diesen auch und vor allem dadurch zu halten im Stande ist, dass er veränderlich, biegsam und beweglich ist. Sollte ich gleich dem Baum eine lang und weit in die Tiefe gewachsene Überzeugung gebildet haben können, so wird die Kraft, welche mich nach einem Sturm zurück in die Aufrechte bringt um so größer sein.

Sosehr aber ein Baum geeignet sein mag, solche grundsätzlichen, doch aber in Wurzel und Krone weit verzweigten Überzeugungen abzubilden, schon Schritte sie auszulegen und umzusetzen, lassen sich mit seinem unveränderlichen Standpunkt nicht mehr veranschaulichen. Insgesamt zeichnet sich menschliche Stärke sicher vielmehr dadurch aus, dass wir im Fluss des Lebens schwimmen lernen auch wenn uns oft scheinen mag, dass Menschen, orientiert an felsenfesten, universalen und absoluten Ansprüchen wie derjenigen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“,1 die Stärkeren sind.

Angst vor dem Endlosen und Sehnsucht nach Sicherheit

Als Teil der endlosen Vielfalt in der wir uns bewegen, scheint jede Wahrnehmung ohne Struktur, ohne Begrenzung und Auswahl unmöglich. Diese Einsicht, so intuitiv und unbewusst sie sein mag; aus Angst vor dem Endlosen sind wir stets geneigt sie zu verinnerlichen. Wie bemerkenswert allerdings, dass uns mit dem Gehirn die komplexeste aller Strukturen gegeben ist, um wahrzunehmen und zu reflektieren. In der Endlosigkeit vielfältigste Formen zu finden, welche Bestand haben und nachhaltig sind dadurch, dass sie sich erneuern, macht uns die lebendige Natur vor. Was könnte naheliegender sein, als in ihren Erscheinungen zu suchen, was wir abbilden und reflektieren wollen?

Ein Wald etwa kann ein Abbild des menschlichen Gehirns sein, seine Wege durch ihn hindurch ein Bild für unsere erlernten Denk- und Erklärungsmuster. Sie zu verlassen und Unbewusstes, Unheimliches und Unbekanntes immer erneut transparent werden zu lassen ist eine Herausforderung, welche uns Angst macht.2

Natürlich ist dies Bild ebenso Denk- und Erklärungsmuster und ich neige dazu es im Zusammenhang vieler Fragen anzuwenden. Immerhin ist es aber doch so lebendig, offen und vielseitig, dass es gut zu ermöglichen scheint mit ihm eher Verständnis zu bilden und weniger in Mustern zu verfestigen. Nichts ist so greifbar und sinnlich, und zugleich so endlos, wunderbar, geheimnisvoll und vielfältig wie die Natur und wir sollten lernen, in ihren lebendigen Erscheinungen zu fühlen und zu denken, deren ständige Erneuerung ja Voraussetzung ihres Bestehens und ihrer Lebendigkeit ist.

Unsere Wahrnehmung wird umso primitiver, je mehr wir darauf aus sind, ihre Inhalte unseren Erklärungsmustern anzugleichen und in sie einzuordnen – als wie z. B. im sprichwörtlichen Schubladendenken. Je länger wir uns angewöhnt haben, in solchen Wahrnehmungsmustern zu kreisen, desto unfähiger werden wir, alles was uns fremd und unheimlich geblieben ist zu reflektieren. Wir verhärten immer mehr nur in dem, was uns ohnehin bekannt zu sein scheint. Wie mühsam, ja fast unmöglich uns das Nachdenken und Nachempfinden geworden sein kann, wird sehr anschaulich, wenn wir uns den Wald und seine Wege nochmals vergegenwärtigen: Sind es nur wenige, dafür aber um so ausgetretenere, und ist gerade dadurch das unbekannte Leben des Waldes um so unzugänglicher geworden, wird im Laufe eines solchen Prozesses der Verhärtung eine Überwindung der Wege als Grenzen des Fühlens und Denkens immer unmöglicher. Vieles weist darauf hin, dass im Zuge dessen das Risiko eines Schlaganfalls und das von Alzheimer- und Demenzerkrankungen größer wird.3 Bildung im eigentlichem Sinne heißt demnach dagegen, Wahrgenommenes in vielfältigen und offenen Mustern assoziieren zu können, welche aktiv und fortwährend immer weiter zu bilden sind. Innerhalb eines solchen Lernprozesses, trifft unsere Wahrnehmung weniger auf gewöhnliche und ausgetretene, als vielmehr auf offen – vielfältige, weit verzweigte und freie Assoziationsgebilde, in denen wir, unser Gegenüber und das Leben sich freier und gelöster bewegen können.

Vielleicht ist keine Angst größer, als in der endlosen Vielfalt des Lebens die Orientierung zu verlieren, und die Trägheit umso verlockender, in einmal gewonnenen Sicherheiten zu kreisen. Die Frage z. B. „Was ist der Sinn des Lebens?“, ist oft schon ein Hinweis auf den Impuls, dasjenige finden zu wollen, wenn nicht gar darüber hinaus auf den Wunsch, es nie verlassen zu müssen.

Zahlreiche Beispiele finden wir dafür, dieser Verlockung nachgebend, und entgegen lebendiger Realität, in Kategorien und Mustern zu verfestigen, in deren Inhalten wir weniger unterschiedliche Perspektiven sehen welche einander ergänzen können, als viel mehr nur Alternativen welche einander widersprechen oder gar ausschließen: Mensch/Umwelt, Außen/Innen, Entweder/Oder sind nur drei der grundsätzlichsten. Alle diese Muster sind uns viel zu sehr gewöhnlich und selbstverständlich geworden. Unserem Gehirn allerdings, wie überhaupt allen lebendigen Strukturen entsprechen sie nicht.

Exzesse der Einschränkung

Die erste Versuchung eines potentiell unendlichen Bewusstseins ist Begrenzung und Vereinseitigung und mir scheint, wir haben fast immer zuallererst nur diese gewählt, um sie in Form von Beherrschung und Instrumentalisierung in einem wahnsinnigen Fortschritt voranzutreiben. So mitreißend die Strömung eines einzementierten Flusses sein kann, so verlockend sind uns die Exzesse der Beschränkung und Vereinseitigung, bzw., des Massenhaften und Quantitativen geworden, denn jeder Versuch, das lebendige Potential des fühlenden und denkenden Bewusstseins mit seinen unendlichen Möglichkeiten einzuschränken, kann nur auf dessen Kanalisierung in eine oder wenige bestimmte Richtungen hinauslaufen. Die Frage ist also nicht ob, sondern wie unser Bewusstsein wirksam wird. Der Rückzug auf eine eingrenzende Normalität und der Versuch in ihr einfache Sicherheiten zu finden, ist daher Illusion von so destruktiver und zerstörender Wirkung, gerade weil er uneingestandene Exzesse beinhaltet. Angesichts ihrer wird verständlich, warum wir so leicht und gern um den Preis von Wesentlichem, von Substanziellem und Qualitativem uns mitreißen lassen von maßlosen Kräften des Eindimensionalen. Bedingung jeder wirklichen Lebendigkeit ist aber deren Vielfältigkeit. Je mehr wir das Ringen um eine weit verzweigte, komplexe und lebendige Wahrnehmung aufgegeben haben – dem also was wirklich Spiegel und Erwiderung unserer Natur und unseres Selbst seine könnte – desto maßloser der Zwang und die Sucht, die zunehmende Leere durch ein eindimensionales Wachstum zu betäuben.

Die vielleicht augenscheinlichste Abbildung und Umsetzung unseres verhärteten Fühlens und Denkens findet sich im besinnungslosen Missbrauch technischer Möglichkeiten. An diesem zur Vernichtungmaschine gewordenen Größenwahn will ich mich im weiteren Verlauf beispielhaft halten.

Die Fratze des Wahnsinns

Die Fratze des Wahnsinns zeigt sich im Anschein des gewöhnlich – Normalen, welchen wir dem exzessiv – Stumpfsinnigen der Beherrschung und Instrumentalisierung von Leben und Natur gegeben haben. Wahnsinn kann kaum systematischer und fortschrittlicher werden als dadurch, dass wir der ungeheuren Macht der Gewöhnung folgend, Wahrgenommenes in immer gleiche Assoziationsketten einfügen und entsprechend danach handeln. Sind diese Wahrnehmungsmuster darüber hinaus über Generationen erlernt und ausgetreten, verheimlichen sie unter dem Deckmantel ihrer Selbstverständlichkeit umso wirksamer, was oft und eigentlich nur Wahnsinn ist. Seine Fratze eher und zur Abwechslung im Gewöhnlichen, und weniger wie selbstverständlich im Außergewöhnlichen zu vermuten, ist Konsequenz daraus. Einer in Verzweiflung um sich schlagend ist wohl ungleich harmloser als alle diejenigen, welche sich wie selbstverständlich gehen lassen im Verbrechen der Naturzerstörung und viel weiter davon entfernt sind, ihren Wahnsinn im eigenen gewöhnlichen Alltag zu erkennen. Wahnsinn nicht etwa gleich mit einem in Desorientierung verlorenen zu assoziieren, sondern ihn vielmehr in einer stinknormalen Lebensweise zu erkennen, setzt die Bereitschaft voraus, sich aus dem dem wahnsinnigen Kreislauf des allzu Gewöhnlichen zu lösen.

Die so automatisch gewordene Einordnung etwa, unsere individuelle Lebensweise und ihre Auswirkungen wären im kollektiven Gleichgang ohnehin bedeutungslos, ergänzt und verstärkt sich durch ein althergebrachtes Selbstverständnis unmittelbarer Wahrnehmung und Wirkung: De facto sind die Auswirkungen unserer Lebensweise mit der technisch-industriellen Revolution global und bis weit in die Zukunft explodiert, die Fähigkeit dagegen sie zu verantworten scheint in archaisch-primitiver Weise zurückgeblieben. Das wahnsinnig – Psychotische unserer Lebensweise besteht dabei darin, dass unsere Fähigkeit technische Mittel zu ersinnen und anzuwenden und die Fähigkeit sie besonnen zu verantworten, in einem ungeheuren Ungleichgewicht auseinander klafft.

Gerade diese Spaltung im kollektiven Gleichschritt immer weiter verfolgt, hat zu einem ungeheurer machtvollen Fortschritt der Zerstörung geführt, würde jedoch gerade als solche, wenn wir zur Besinnung kommen, bedeutendster Grund dafür sein, uns als Einzelne um so verantwortlicher zu fühlen – Kaum etwas führt zu gewaltigeren Zerstörungen und Verbrechen als ein kollektives Gefühl von Ohnmacht, Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit. Sich nicht dahinter zu verstecken und uns grundsätzlich für einen Lernprozess zu entscheiden, in welchem sich unser Mitgefühl, Gewissen und Bewusstsein ebenso in die globalen und zukünftigen Zusammenhänge ausbreitet, wie unser Tun und Lassen in seinen Auswirkungen tatsächlich ausgebreitet ist, müsste uns als Forderung und moralischer Anspruch ebenso selbstverständlich sein wie sie gegenüber unmittelbarem und spontanem Handeln sind. Standardaussagen, wenn es um Eigenverantwortlichkeit etwa im Zusammenhang von Naturzerstörung geht, lauten zuallermeist dahingehend, dass das eigene Handeln ohnehin untergeht im Rauschen einer etablierten Maschinerie. Dass jeder Austritt um so deutlicher aufblitzt und als grundsätzliche Entscheidung zu einem Lernprozess für besonnenes Handeln relevant und wirksam würde, vernachlässigen und übergehen wir mit solch gewöhnlichen Argumenten. Umgekehrt befestigt jedes besinnungslose Mitlaufen die reißende Flut der Zerstörung. Die Frage ist demnach auch hier nie ob wir etwas bewirken, sondern was wir bewirken.

Gewissen und Mitgefühl

In dem Ziel uns gegenüber unserer unmittelbaren Umgebung mitfühlend, gewissenhaft und menschlich zu verhalten, sind wir uns sehr weitgehend einig. So sehr auch dort eine erschreckende Gleichgültigkeit herrschen kann, die Bereitschaft von Verbrechen zu reden und sie als solche zu verfolgen, ist weitgehend auf sie reduziert. Handelt es sich dagegen um Verbrechen, welche nicht konzentriert an einem Ort und Zeitpunkt sichtbar und deutlich werden, gerade deswegen aber meist von viel fatalerer Wirkung sind, gehen wir viel bedenkenloser darüber hinweg. Wir haben noch immer viel zu wenig realisiert, dass mittelbare und indirekte Bedrohungen für das Leben dieses Planeten sehr viel relevanter geworden sind, als unmittelbare und direkte. Unser Verantwortungsbewusstsein und Gewissen scheint traditionell geblieben und steht so im umgekehrten Verhältnis zur gegenwärtigen Wirklichkeit.

Haben wir einmal nach dem Verständnis lebendiger Wahrnehmung realisiert, dass wir nicht über den Zusammenhängen stehen, sondern uns vielmehr als Teil von ihnen innerhalb ihrer bewegen, ist wie ich meine eine wesentliche Voraussetzung geschaffen uns mit unserem Handeln immer verantwortlicher gegenwärtiger Realität anzunähern.

Mag das was wir zur Zeit bewusst reflektieren können auch sehr begrenzt sein, sind wir nur bereit, uns auf einen stets andauernden Lernprozess einzulassen, wird unser Mitgefühl und Gewissen für komplexe Zusammenhänge diesen immer gerechter werden können. In dem archaischen Anspruch, uns selbst und das Leben zu beherrschen sind wir zweifellos extrem fortgeschritten; wir dürfen aber nicht der Illusion erliegen, diesen extremen Fortschritt mit wirklicher Veränderung und Entwicklung zu verwechseln.

Es mag viele geben, welche sich den mörderisch-verbrecherischen Teil unseres Tun und Lassens längst eingestanden haben, die Meisten von ihnen erliegen aber noch immer aus einem verlorenen Sinn für Verhältnismäßigkeit der Illusion ihrer Bedeutungs- und Verantwortungslosigkeit: Immer wenn wir über unsere Verhältnisse nach den Lösungen schlechthin suchen und nur bereit sind nach der Aussicht auf sie zu handeln, erliegen wir der Illusion außerhalb und über den Dingen zu stehen, und entziehen uns zugleich der Möglichkeit innerhalb von Zusammenhängen zu lernen und innerhalb eines lebendigen Prozesses verantwortlicher zu werden. Die Ausblendung und Leugnung des Widerspruchs, mit einem persönlichen Gefühl der Ohnmacht Teil eines gewaltigen und überaus machtvollen, kollektiven Gleichgangs zu sein, geht als destruktive Haltung aus sich selbst heraus, nicht aber als Ergebnis objektiver Ohnmacht in Erfüllung.

Ich denke es kann kaum zuerst darum gehen, globale Verbrechen zu stoppen, sondern vielmehr zu lindern und an verschiedensten Stellen aufzuhalten. Erst diese Einsicht in Verhältnismäßigkeit würde ermöglichen, sich innerhalb eines andauernden Lernprozesses an einem persönlichen Limit und Gleichgewicht zu bewegen, welches auf Dauer zu immer größerer Wirksamkeit führen kann. Ausgangsfläche für dies kann aber meine ich zuerst nur unser Alltag sein und keine gesonderten Aktionen, welche unser sonstiges Leben vernachlässigen und ausblenden. Steht unser Alltagsleben als Ursache globaler und nachhaltiger Verbrechen in einem gleichbleibenden Missverhältnis zu unseren unmittelbaren und direkten moralischen Ansprüchen, werden wir nie die nötige Ausgeglichenheit erlangen können, aus welcher sich die Kraft schöpfen ließe nachhaltig und wirksam zu handeln.

Und was bedeutet dies, so konkret, lebensnah und alltäglich, als mir irgend möglich formuliert? Ein Erzieher entrüstete sich einmal über ein Kind, welches einen Schmetterling unachtsam in seiner Hand zerdrückte. Er hielt ihm vor, mit dem Tier wie mit einem Spielzeug umgegangen zu sein, und damit sein verletzliches Leben gleichsam missachtet und getötet zu haben. Er hatte mir zuvor von seinem Tauchkurs in der Karibik erzählt und nichts deutete darauf hin, dass er zwischen seinem Umgang mit der Natur und dem des Kindes irgendeine Parallele sah. Wie lächerlich aber ist der Tod des Schmetterlings in der Hand des Kindes im Vergleich zum besinnungslosen Spiel mit dem sensiblen Gleichgewicht des Klimas unseres Planeten, welches bereits bis heute tausende Menschen in den grausamen Tod gerissen hat?

„Flugzeuge fliegen, egal ob ich darinsitze oder nicht“, hörte ich schon des öfteren im Zusammenhang einer solchen Debatte. Und was, wenn solche Sprüche nur eine ganz billige Ausrede vor der eigenen Verantwortung sind? Sie ignorieren, dass man seine finanziellen Mittel und noch wichtiger seine persönliche Energie alternativ hätte investieren können bzw., dass die bewusste Entscheidung gegen jede Verallgemeinerung und Gleichgültigkeit auf, und durch die komplexe Ganzheit der handelnden Person wirksam wird. Entscheidend scheint mir die Grundhaltung eines jeden zu sein, für alles was er tut und lässt verantwortlich zu sein. Natürlich kann sich der Erzieher fast sicher sein, dass sein Flugzeug auch ohne ihn in die Karibik geflogen wäre, einen weiteren Riss in der schützenden Atmosphäre des Planeten hinterlassend. Die große Lüge jedoch, welche wir so sehr geneigt sind uns zu eigen zu machen, besteht darin, solches stillschweigend zu verallgemeinern, d. h. auf einen großen, oder größten Teil des eigenen Handelns anzuwenden. Mit solch blöden Verallgemeinerungen lässt sich die eigene Verantwortung gleichsam nach Belieben beiseite schieben. Nach einfacher Abwägung aber wird unsere Lebensweise und ihre Auswirkungen in der Summe im Verhältnis immer eins zu eins stehen.

„Geistig fit“ zu bleiben oder etwa „emotional Intelligent“ zu werden ist populär geworden und in Presse und Ratgebern häufen sich eine Unzahl von Anleitungen dies Ziel zu erreichen. Tatsächlich ist das Anliegen gesund zu bleiben sehr aktuell geworden: Durch Industrialisierung bedingter Wohlstand und medizinischer Fortschritt lassen uns um Jahrzehnte länger am Leben; allerdings mit zwei wesentlichen Einschränkungen: Zum Einen bedeutet „am Leben bleiben“ noch keine Lebendigkeit, bzw. alle noch so aufwendigen medizinischen Eingriffe und Apparaturen bedeuten ungünstigenfalls nichts weiter als nur die Hinauszögerung des Todes, und zum anderen ist der Fortschritt bestehend etwa aus Hygiene, Ernährung und Technik erkauft um den mörderischen Preis nachhaltig zerstörter Lebensgrundlagen.

Ein Mitgefühl und Bewusstsein, welches sich nicht der Herausforderung stellt, die globalen und zukünftigen Dimensionen und Zusammenhänge unserer Lebensweise nachzuvollziehen, um damit unser Fühlen und Denken auszufüllen und zu beleben, bedroht wie in einer Symbiose unser persönliches Leben ebenso, wie das Leben des Planeten.

Bernhard Goebel

1zitiert nach Jesus, Joh. 14, 6

2B. Goebel: Der Weg von Rotkäppchen

3Arno Gruen: Verratene Liebe – Falsche Götter. Klett-Cotta: Stuttgart 2003.

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Ein Kommentar zu Fühlen und Denken

  1. Sehr geehrter Herr Goebel,

    mit großem Interesse und viel Sympathie verfolge ich Ihre Aktivitäten und Bemühungen, wie Sie auf Ihrer Homepage zum Ausdruck kommen. Sie haben Recht in allem, was Sie hier beschreiben. Und auch die Anliegen, die Sie auf Ihrer Homepage darstellen, teile ich voll und ganz mit Ihnen. Das Problem ist nur: wie lässt sich das, was notwendig wäre, auch umsetzen. Mit Appellen geht es nicht. Mit Aufklärung auch nicht, auch nicht mit Aufrufen. Das ist die bittere Erkenntnis, zu der ich durch meine eigenen erfolglosen Bemühungen auf diesen Wegen gelangt bin. Offenbar besteht unser Problem darin, dass wir den Weg erst erfinden müssen, auf dem wir anders leben können. Glücklicher, Zufriedener, Bewusster. Das entscheidende Wort dabei heißt „wir“.
    Möglicherweise sind wir gar keine Einzelwesen. Möglicherweise sind wir auf eine Ideologie hereingefallen, die uns zu „Individuen erklärt. Wenn das stimmt, waren wir schon seit einiger Zeit auf einem Irrweg. Und dann hieße die entscheidende Frage: Wie finden wir wieder zusammen? Wie lässt sich das, was uns trennt, überwinden?
    Wie das gehen kann, weiß ich nicht. Aber ich bin ziemlich sicher, dass es nur so geht.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr Gerald Hüther

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