Kuhglocken und Käsekelle gegen Massentierhaltung und Agrarindustrie

Wir treiben unser Vieh vorbei an verfallenen Hütten und Melkständen, die Milch der Tiere kann das Kessi nur noch anfüllen, ihr Mist und was sie wegfressen reicht immer weniger, den Blumen, Kräutern und Gräsern ihren Humus und Raum zu schaffen. Zeit auch für uns, sich diesem Rückgang als Teil einer weltweiten agrarökologischen Bewegung  entgegenzustellen. (Text: Bernhard Goebel)

Als Senn bin ich erschrocken und empört über die Quälerei in der industrialisierten Viehzucht und das Ausmass der Zerstörung durch Landwirtschaft. Wie viel Urwald für endlose Rinderherden schon gerodet ist, wie viel Land schon so sehr verödet, vergiftet und unfruchtbar ist oder nur mit einem masslosen Aufwand an Energie, Pestiziden und Kunstdünger noch bewirtschaftet werden kann. Nicht immer und überall allerdings hinterlässt Landwirtschaft eine solche Verwüstung. Kulturlandschaft kann durchaus die Fruchtbarkeit und Vielfalt von natürlicher Wildnis erreichen und sie sogar übertreffen. Um einen solchen Gewinn an Leben für Tier, Mensch und Natur durch Landwirtschaft zu erzeugen, ist die massvolle Nutztierhaltung in vielen Regionen der Erde erforderlich und wünschenswert: Die Überzahl der Rinder auf gerodeten Flächen in Südamerika oder die von Hochleistungskühen in den Grossställen der Schweiz mag noch so gross sein, es ändert nichts daran, dass auf den meisten Alpen mittlerweile (viel) zu wenig Tiere weiden, um den ganzen Reichtum und fruchtbaren Wert ihrer Kulturlandschaft erhalten zu können.

Gehe ich spazieren im Tal, wo ich auch diesen Sommer wieder käsen werde, bewundere ich die Ruinen der Pferche, Ställe und Häuser, wo Menschen vor 800 Jahren ganzjährig Landwirtschaft betrieben und im 19. Jahrhundert noch Hunderte von Kühen und über tausend Schafe gesömmert haben. In den letzten Jahren dagegen war selbst die Bewirtschaftung der letzten zwei Alpen mit nur rund hundert Tieren nicht mehr gesichert. Dieser Verlust an lebendiger und lokaler Vielfalt entspricht in vielen Variationen einem weltweiten Prozess und geht wechselseitig einher mit noch mehr Industrialisierung, Verödung und Massentierhaltung.

Weltagrarbericht

«Wir brauchen eine agrarökologische Evolution der Landwirtschaft, der Lebensmittelproduktion und des Konsums», lautet in einem einzigen Satz die Kernaussage des Weltagrarberichts*. Sie ist nach den Worten des UN-Sonderbeauftragten für ein Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter, «der einzige Weg, die Weltbevölkerung zu ernähren». Agrarökologie gründet sich auf dem Gleichgewicht zwischen Respekt vor lokaler und traditioneller Kenntnis und Kultur der Menschen – und auf der Offenheit für Methoden und Ergebnisse unterschiedlicher Disziplinen moderner Wissenschaft. Ohne mit unserer Alpwirtschaft eines der ungemein wertvollen Beispiele für sie: Agrarökologie ist in jeder Hinsicht das Gegenteil von hochspezialisierter Standardisierung und Züchtung weniger Hochleistungstierarten (und Pflanzensorten), die gegen alle lokalen Proteste und natürlichen Bedingungen global angebaut und durchgesetzt werden.

Debatten

Um die Frage der Landwirtschaft, und insbesondere um die der Tierhaltung, hatte ich im Laufe meiner zehn Sommer auf der Alp mit mir selbst und anderen einige zum Teil hitzige Auseinandersetzungen und Wortgefechte. Angst und Wut vor dem, was wir der Natur, den Tieren und anderen Menschen antun, gaben diesen Debatten etwas Unversöhnliches und Unlösbares. Gerade engagierte Naturschützer und Tierfreunde neigen zu der Überzeugung, dass wir uns am besten so weit als irgend möglich aus der Natur heraushalten und etwa die Nutztierhaltung gleich ganz unterlassen. Dass wir mit der nötigen Achtsamkeit Teil der Natur und Evolution ihres Lebens sind, habe ich vor allem auf der Alp gelernt. Auch die Alpwirtschaft jedoch zählt zu den weltweit gefährdeten Beispielen, wie Menschen über Jahrtausende uns eine Kulturlandschaft vererbt haben, deren Vielfalt und Fruchtbarkeit für das Leben und Überleben der Menschheit existenzieller denn je geworden ist. Um dieses Erbe verantwortlich weiterzuführen, erscheint mir Folgendes besonders notwendig. Dabei sind alle eingeladen, meine Liste zu ergänzen.

Auf der Alp:

  • Die humusbasierte Kreislaufwirtschaft weiter kultivieren und ausbauen. Dazu gehört das sorgfältige Ausbringen und Verteilen des Tiermists. Er baut die Humusschicht weiter auf, welche so viel Kohlenstoff speichern kann, dass die Emissionen von Klimagasen der Tiere ausgeglichen oder sogar überkompensiert werden.
  • Umsichtiger Umgang mit Brennholz. Es muss, richtig gespalten, mindestens zwei Jahre trocknen, man braucht so viel weniger, spart sich vom Fällen bis zum Nachlegen viel Arbeit und der Atmosphäre eine Unmenge an Russ und hochwirksamen Klimagasen.

Ansonsten und überall:

Poster - No to the false solution of green capitalism

  • Demonstrative Positionierung von uns ÄlplerInnen gegen Monokultur, Agrarindustrie und Massentierhaltung (zalp und IG-Alp). Mitverbreitung von Petitionen und Beteiligung an Demonstrationen: «Wir haben Agrarindustrie satt!», am 18. Januar 2014 in Berlin.
  • Solidarisierung, Zusammenarbeit und Vernetzung mit La Via Campesina – International Peasant’s Movement bzw. der agrarökologischen Bewegung und Praxis. (www.weltagrarbericht.de)
  • Mitgliedschaft und Engagement in der Kleinbauernvereinigung (www.kleinbauern.ch) und der Bauerngewerkschaft (www.uniterre.ch).

* Der Weltagrarbericht wurde 2008 vom Weltagrarrat (IAASTD) veröffentlicht und fordert insbesondere eine Ausdehnung der ökologischen Landwirtschaft und Förderung von Kleinbauern. Die Grüne Gentechnik, Agrochemie sowie Patentierung von Saatgut werden kritisch hinterfragt. Siehe auch: «Wege aus der Hungerkrise», www.weltagrarbericht.de/download.html


Nutztierhaltung or not

Wir Milch- und FleischproduzentInnen sehen uns ganz aktuell gerade von VegetarierInnen und VeganerInnen zu Recht und Unrecht drängenden Fragen und harter Kritik ausgesetzt. In seiner März-Ausgabe dieses Jahres verhandelt das Greenpeace- Magazin das Thema unter dem Titel «Die Besseresser. Warum sich Vegetarier und Veganer klüger ernähren». Das macht ja schon mal neugierig – und wirklich, die Autorinnen sind mit uns Hirtinnen und Käsern nicht zimperlich: «Es trügt nicht. Die Nutztierhaltung verschlingt massenhaft Ressourcen », «Viehhaltung schluckt Unmengen Wasser», «Wer Fleisch von seiner Speisekarte streicht, reduziert den Ökofussabdruck seiner Nahrung um die Hälfte», «Schwer wiegt das seelische Leid der Tiere».

Sollten wir denken, «es sei vertretbar, Tiere als Nahrungsquelle zu halten», erliegen wir der Annahme, «dass ein früher Tod ihnen nichts ausmacht». – Und: «Nein, Biofleisch ist keine Lösung, sondern eine PR-Antwort der Agrarindustrie» (Melanie Joy, Psycho- und Soziologieprofessorin). Wer sich nach diesen Austeilungen noch nicht verkrochen hat oder vielleicht dachte, als «sorgloser Vegetarier» davonzukommen, den wird es kalt erwischen, dass «ganz einfach» auch «Milch zur Tötungsmaschine» gehört.

Die Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt sorgt im gleichen Ton mit ihrer Broschüre «Selbst wenn Sie Fleisch mögen …» so richtig für Stimmung: Ob bio oder nicht, auch der geschäftsführende Vorstand Mahi Klosterhalfen findet in keiner Art von Nutztierhaltung «die Lösung» und lässt unter Tierfreundlichkeit allein die Form rein pflanzlicher Ernährung gelten, und er möchte zeigen, «wie leicht auch uns» die Entscheidung dazu fallen kann.


Interview

Die Fragen stellte Bernhard Goebel an Barbara Küttel, Geschäftsleiterin Kleinbauern-Vereinigung

Bernhard Goebel: Laut Weltagrarbericht «sind vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika kleinbäuerliche Strukturen die wichtigsten Garanten und die grösste Hoffnung einer sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltigen Lebensmittelversorgung von künftig 9 Milliarden Menschen». Haben die Kleinbauern der Schweiz und die Alpwirtschaft eine vergleichbar wesentliche Bedeutung?
Barbara Küttel: Die Schweizer Landwirtschaft ist im europäischen Vergleich kleinstrukturiert. Aufgrund der Topografie kann ein Grossteil der Schweizer Betriebe auch nur sehr beschränkt wachsen. Aber nicht nur deshalb sollten wir uns auf eine kleinbäuerliche Landwirtschaft konzentrieren. Eine grosse Anzahl an Bauernbetrieben machen unsere vielfältige Kulturlandschaft aus, diese Betriebe produzieren tier- und umweltgerecht und sorgen für ein reiches Angebot an qualitativ hochwertigen Produkten in der Region. Ausserdem bleiben so möglichst viele Bauernfamilien der Landwirtschaft treu und finden ein Auskommen. Vielfältige Betriebe haben einen enormen Wert, und auch die Alpwirtschaft ist zentral für eine Vielfalt an Pflanzen und Produkten.

Die Landwirtschaft war lange die Wegbereiterin für die Artenvielfalt. Was für eine Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Viehhaltung der Bergbauern und Älpler?
Alpwiesen bieten zahlreichen Pflanzen und Tieren einen Lebensraum, sie gehören zu den artenreichsten Flächen in der Schweiz. Wenn unsere Alpwiesen nicht mehr vom Vieh bestossen und von den Älplern gepflegt werden, verganden sie sehr schnell. Unsere Landschaft wird so um einiges ärmer und die Artenvielfalt nimmt ab.

Die Alpen sind sehr alte und typische Formen der extensiven Landwirtschaft. Was sind heute die Gefahren und Möglichkeiten für uns, dieses Erbe verantwortungsvoll weiterzuführen?
Alpwirtschaft ist sehr arbeitsintensiv, dementsprechend ist die Gefahr gross, dass die steilsten und unwegsamsten Flächen in Zukunft nicht mehr bewirtschaftet werden. Eine weitere Gefahr ist auch, dass zu wenig Vieh zur Bestossung der Alpen da ist, weil Hochleistungskühe aus dem Talgebiet sich nicht für die Alp eignen. Diese Tiere sind es nicht mehr gewohnt, ohne Kraftfutter auszukommen und sich so viel zu bewegen.

Die Möglichkeiten in der Alpwirtschaft sehen wir vor allem darin, dass Alpprodukte sehr ursprünglich, echt, reich und einzigartig im Geschmack sowie von hoher Qualität sind. Das ist bei den KonsumentInnen gefragt. Ausserdem sind die Alpen auch wichtiger Lebensraum für die Menschen, sie bringen KonsumentInnen und Bäuerinnen/ Bauern näher, und sehr oft sammeln Nicht-Bäuerinnen/Bauern ihre ersten Erfahrungen in der Landwirtschaft bei der Arbeit auf der Alp.

Ist eine Landwirtschaft, die auf Vielfalt bei Pflanzen und Tieren sowie eine nachhaltige Bodenfruchtbarkeit setzt, auch ohne das Milch- und Metzgerhandwerk denkbar?
Milchwirtschaft ist in weiten Teilen der Schweiz eine ideale, das heisst standortangepasste Bewirtschaftungsweise. Die Schweiz ist ein Grasland, und nur die Kuh (bzw. ein Wiederkäuer) kann dieses Gras zu wertvoller Milch und Fleisch umwandeln. Deshalb ist und bleibt diese Produktionsweise wichtig. Damit diese Rohstoffe auch richtig, tiergerecht, vielfältig und schonend verarbeitet werden, braucht es ein gutes Angebot an regionalen Käsereien und Metzgereien.


Bernhard Goebel war 2001 erstmals Hirt auf Alp Bruchgehren (BE), 2002 Zusenn auf Alp Discholas und ab 2003 Senn auf den Alpen Brün, Tambo und Falätscha (GR). Dieses Jahr zum vierten Mal auf Alp Vispernanz im Wallis.

Digital StillCameraDigital StillCamera

Print Friendly, PDF & Email
Dieser Beitrag wurde unter Texte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.