Seine, meine oder Eine kurze Geschichte der Menschheit

Rezension zum Buch Yuval Noah Hararis*1

Reizvoll finde ich bei der kurzen Geschichte eines solch riesenhaften Themas, entscheidende und wesentliche Entwicklungen zeigen zu wollen und begreiflich zu machen. Dass es sie mehr oder weniger wesentlich und sinnvoll gegeben hat und dass sie als solche reflektiert und formuliert werden können, erscheint verlockend, allerdings auch gerade für den Teil unseres Menschseins und der Menschheit, welche sich zu einer ungeheuerlichen Anmaßung und Selbstermächtigung über andere Teile und alles andere Leben haben hinreißen lassen. Auf was es dem entgegengesetzt wirklich ankommt, ist Bereitschaft und Fähigkeit zum Diskurs oder Dialog und eine engagierte und auch (selbst)konfrontative Auseinandersetzung mit Geschichte: Menschen sind soziale Wesen durch und durch, die Evolution ihrer besonderen Intelligenz und von Zivilisation, ist im wesentlichen Kooperation und zwischenmenschliche Interaktion.*2 Auch in dieser kurzen Geschichte wird das gleich im Buchdeckel hervorgehoben und ist wiederkehrendes Thema vieler Kapitel. Was sicher zum wichtigsten Grund für unsere Intelligenz wurde, ist allerdings auch zum dunkelsten und zerstörerischsten Teil unserer Geschichte geworden: Nach einer These die sich immer mehr durchsetzt und auch von H. überzeugend vertreten wird, hat der Homo sapiens als Jäger und Sammler durch raffinierte Kooperation anfangs noch kleiner Gruppen überall wo er auftauchte, den größten Teil der Megafauna ausgerottet und nach der gleichen Methode alle weiteren Menschengattungen, wie z. B. den Neandertaler (S. 88).*3 Ausdifferenzierung, Vielfalt, Vitalität und Komplexität, ist zweifellos wesentliche Grundlage von dem, was wir (Selbst)Reflexionsfähigkeit und Intelligenz nennen können. Schon in Zeiträumen, die gern „Vorgeschichte“ genannt werden, hat der Homo sapiens seine Weisheit negiert und umgekehrt; zur negativen Intelligenz gemacht und gegen sich selbst und ihre Grundlagen gerichtet. Wir sollten uns meine ich viel mehr in Forschung und Theorie die Frage stellen, wie ursächlich und wesentlich dies zu Militarismus, Rassismus, Nationalismus und Sexismus geführt hat. In meiner Rezension soll es darum gehen, die wackeligen und unklaren Thesen und Behauptungen dieser kurzen Einleitung zu erläutern und zu begründen.

In Bezug auf die Entwicklung der Schrift macht der Geschichtsprofessor überzeugend deutlich, dass sie gerade in ihren Anfängen rein formale und administrative Zwecke erfüllte, weit davon entfernt, zum Medium eines inhaltlichen oder persönlichen Dialoges, oder von Lyrik und Drama zu sein (S. 156). Sehr exemplarisch stellt sich auch an ihrer Entstehung, folgenden Verwendung und Funktion die Frage, ob uns Zivilisation in Bezug auf Leben, Lebendigkeit und Überleben, wirklich insgesamt schlauer und intelligenter hat werden lassen – oder doch eher stumpfsinniger, lebloser und entfremdet? Im Vergleich zur Vitalität, Scharfsinnigkeit, Präsenz und auch zu Fähigkeiten des Dialogs und der sozialen Interaktion eines Neandertalers oder Frühmenschen?! (vergl. z. B. S. 154)

Schon im Begriff (der!) „Schriftsteller“ jedenfalls zeigt sich erneut und immer wieder eine zur Tradition und zum Teil des Schreibens gewordene Leblosigkeit, Starre und damit Dialogfeindlichkeit. Ob nun Romanautor, Journalist, Sachtexter oder Dramatiker, den meisten verlangt es ganz offenbar nach der großen eingegrenzten Bühne, um ungestört ihren Monolog vortragen zu können. Fragen, Einwände, Korrekturen und Ergänzungen sind nicht vorgesehen und werden allenfalls aus bestimmten musterhaften Ecken akademischer und intellektueller Institutionen überhaupt nur zur Kenntnis genommen.

Ich selbst empfinde mittlerweile das Lesen sehr vieler, wenn nicht der meisten Texte in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften als Zumutung, weil ich das beharrliche Desinteresse und die Ignoranz derjenigen, die unbedingt und in diesem wörtlichen Sinne eben nur Schriftsteller bleiben wollen, so oft und über viele Jahre erlebt habe. Etwas irgendwie bedeutendes mitteilen oder lehren kann aber nur, wer selbst immerzu und immer weiter lernt und zwar mindestens ebenso gut oder besser, als wie derjenige, dem er etwas mitteilt oder den er lehren will und soll. Ansonsten ergeht es ihm eben wie jenen ersten Schriftgelehrten, die zwar als kleine elitäre und privilegierte Minderheit das Lesen und Schreiben erlernten, im selben Prozess aber ungleich viel mehr an Fähigkeiten des Dialoges und der zwischenmenschlichen Interaktion, verlernten (S. 163). Ohne Zweifel fordern und vitalisieren diese sehr viel umfassender und nachhaltiger menschliche Bildung und Intelligenz, als es die formale Administration von Rohstoffen und Lebensmitteln tut.

Einstweilen sind mir aber die gewagten und teilweise auch kategorischen Thesen und Aussagen des Buches sympathisch, man weiß mit wem und was man es zu tun hat und so lange die Hoffnung auf einen Dialog des Hin und Her nicht verloren ist, lass ich mich gern von einer so auf den Punkt gebrachten Einfachheit inspirieren. Z. B. auf Seite 41.:

Götter, Geld, Menschenrechte und Gesetze gibt es gar nicht – sie existieren nur in unserer kollektiven Vorstellungswelt. Dass „primitive Menschen“ ihre Gesellschaft zusammenhalten, indem sie an Geister glauben und bei Vollmond um ein Feuer herumtanzen, verstehen wir sofort. … Im Grunde sind Unternehmer und Anwälte (allerdings) gar nichts anderes als mächtige Zauberer. Die Geschichten die sich moderne Juristen erzählen, sind sogar noch viel sonderbarer als die der alten Schamanen.

Sicher ein sehr beachtliches Statement! Wichtig finde ich dabei zunächst die Frage, ob es eben auch bedeutet, dass sich Harari als Analyst souverän, außerhalb und unabhängig von einer solchen Beobachtung vorkommen will. Mir jedenfalls erscheint dies als eine von vielen Implikationen dieser Aussagen. Es entspricht ja einer ideellen (und sehr gebräuchlichen) Vorstellung von Analyse, Wissenschaft und Forschung, sich möglichst unabhängig von seinem Gegenstand der Beobachtung zu machen, um zu möglichst objektiven und allgemein gültigen Ergebnissen zu gelangen. In den Naturwissenschaften mag das oft noch Sinn machen aber bei einer solchen Geisteswissenschaft wie Geschichte? Was glaubt der Herr Professor selbst? Er zahlt Miete oder sein Haus oder seine Wohnung ab oder hat sie geerbt … Er ruft die Polizei wenn er bedroht oder bestohlen wird und kommt sich dabei aber zumindest so natürlich, menschlich und seriös vor, dass er an der Uni studierte, promoviert hat, jetzt schon länger dort lehrt und ein solches Buch schreibt mit sicherlich durchaus wissenschaftlich-seriösem Anspruch. Selbstverständlich hat und wird er allerdings niemals bei sich oder einem Studenten die Quelle eines Esoterikers, Schamanen, Fundamentalisten, strenggläubigen Christen, Juden, Moslem oder Kreationisten z. B. für die Genesis des Lebens akzeptieren, selbst aber scheint er er mit solch „nichtexistenten Konstruktionen einer kollektiven Vorstellungswelt“ sehr gut zu leben. Auch Harari gefällt sich damit offenbar in der Rolle eines Desillusionierers, der uns locker, eloquent und ein bisschen sehr selbstgefällig zeigen will, dass eben z. B. auch Menschenrechte ebenso wie Götter und Geld, nur irreale Vorstellungen sind …

Bio – Leben. Logik – denkende Kunst, Kunst oder Fähigkeit der Schlussfolgerung oder Folgerichtigkeit (Wikipedia). Logik – Lehre, Wissenschaft von der Struktur, den Formen und Gesetzen des Denkens; Lehre vom folgerichtigen Denken, schlüssiges Denken (Duden – Das Fremdwörterbuch).

Aber kann etwas, das so weitreichende Folgen und Wirkungen hat, irgendwie und eigentlich gar nicht sein? Seine Formulierung scheint mir an diese Stelle bestenfalls misslungen zu sein. Mal auf die Gefahr hin als humanistischer Träumer und Idealist dazustehen; aber ist es wirklich so unmöglich, dass sich Menschenrechte vielleicht doch etwa selbst als Teil der realen Biologie begründen und ableiten lassen? Bzw. als Teil von Natur, Leben und Intelligenz? Würde es nicht doch der Mühe lohnen, ehe man Menschenrechte wie nebenbei mitsamt Göttern und Geld als „erfundene Ordnung“ (S. 131) über den Haufen wirft?

Wie überdreht und entfremdet uns viele Entwicklungen menschlicher Kultur und Zivilisation zu Recht auch immer erscheinen, wir bleiben doch Wesen nach der Logik des Lebens und überleben ihren Bruch um keine Deut besser, als alle anderen vergangenen und jetzigen Organismen im Micro- und Makrokosmos unserer Spähre: Mag industrielle Landwirtschaft oder moderne Schulmedizin noch so sehr zur einer hohen Bevölkerungszahl und zu längerer Lebensdauer vieler Menschen beigetragen haben, beide Entwicklungen zerstören schon heute Vitalität und Vielfalt von Makro- und Mikro- Flora und Fauna und damit die globalen und langfristigen Lebensbedingungen einer sehr viel höheren Anzahl von Menschen – es lässt sich also keineswegs folgern, dass wir durch (Bio)Technologien oder Industrialisierung irgendwie weniger zu Leben und Natur gehören und weniger nach ihrer Evolution organisiert sind.

Zur Folgerichtigkeit des Lebens gehört nun aber so oder so seine Evolution zu Ausdifferenzierung, Vielfalt, Komplexität und Ganzheit und auf ihnen gründend unsere Fähigkeit zu Reflexion und Selbstreflexion: Wesentliche Bedingung von dem was wir Mind oder (unglücklicher) Bewusstsein nennen, ist sicher die ungeheure und ins endlose gehende komplexe Vernetzung des Zentralnervensystems. Dennoch unterstellt Harari den Einbildungen oder Erfindungen, die doch Teil und eins mit ihr sind, irgendwie eine Nichtexistenz. Schon aus einfachsten Einführungen in Atomphysik lernen wir allerdings, dass sich Eigenschaften der Greifbarkeit, Struktur, Härte, Wärme, Kälte oder Flüssigkeit der real existierenden Materie ganz überwiegend aus Energie, leerem Raum, Bewegung, Ort, Impuls usw. ableiten und nachvollziehen lassen. Ganz ähnlich wie sich nach einem solchen Wissen ein quantenphysikalisches Gerät wie ein Smartphone oder ein Magnetresonanztomograph konstruieren lässt, funktionieren Neuronen, ihre Vernetzung und ihr Zusammenspiel als feinste und allerfeinste Ausdifferenzierung des Lebens, seiner Struktur und Organisation, ebenfalls nach jenen atomphysikalischen Mechanismen und Gesetzten. Anders gesagt: Gerade das Minimum an Masse oder Quantität von Energie und Materie, mit der die Logik des Lebens eine im hohen und höchsten Maße unvergleichliche Qualität der Komplexität, Ausdifferenzierung, Struktur und Organisation entwickelt hat, zeugt am unzweifelhaftesten von ihrer Realität und Existenz.

Dennoch stellt H. voraussetzungslos und unbegründet „die Biologie“ und „Vorstellung“, „Fantasie“ und „Erfindung“ (etwa von Menschenrechten!) als von einander polarisierte oder entfremdete Kategorien gegenüber (S. 138). Aber kann es eine kategorisch-objektive Erklärung und Folgerichtigkeit des Lebens (selbst z. B. einer Pflanze) geben?! Nichts am Leben, seiner Entstehung und Evolution erscheint nur im einfach-reduzierenden Sinne folgerichtig und ist doch anderseits so unübertroffen greifbar und unzweifelhaft. Hinter dem Begriff „Biologie“ irgendwie eine Kategorie und damit klare und einfache Folgerichtigkeit zu erwarten, ist albern und macht blind für seine reale und offensichtliche Vielfalt, Ausdifferenzierung und Komplexität – wir brauchen eine Menge Fantasie, Vorstellungskraft und Erfindungsreichtum, um diese Realität des Lebens nachvollziehen, abzubilden und reflektieren zu können. Sie sind Teil unserer (menschlichen) Biologie und damit auch Bedingung unserer (physiologischen!) Vitalität, genauso wie eine voll ausdifferenzierte Wurzel und Baumkrone im gleichen Sinne Teil der Biologie eines ausgewachsenen Baumes ist!

Noch mal also zum Begriff und Anspruch der Disziplin Biologie: Wollen wir die reale Logik eines lebendigen Organismus, eines Biotopes oder seine Zusammenhänge, Interaktionen und Wechselwirkungen mit ihm abbilden und nachvollziehen, ist sicher als erstes die wesentliche Einsicht erforderlich, dass ihre Folgerichtigkeit pluralistisch, multifunktional, prozesshaft, ungeheuer komplex und analog, d. h. also in fließenden Übergängen des Mehr oder Weniger stattfindet. Gegen einen Begriff wie „aus dem einem folgt oder erschließt sich das richtige andere“ können wir also einwenden, dass er in Bezug auf Leben ohnehin viel zu simplifizierend, zu monokausal und kategorisch ist. Das Dilemma wird ein weiteres Mal offenkundig, wenn wir an umgangssprachliche Bedeutungen von Logik oder logisch als einfach, klar und selbstverständlich denken: Eine realistische Logik des Lebens muss durchaus entgegen der wörtlichen und gewöhnlich reduzierenden Bedeutung also offen, vielfältig, prozesshaft und pluralistisch erläutert und formuliert werden – in diesem Sinne also eher künstlerisch-kreative und bewegliche Vernetzungen, Assoziationen und Reflexionen!

Aus all dem erschließt sich und lässt sich folgern, dass innere Bilder*3 bzw. Imagination und Erfindung (durch ein wildes Herumexperimentieren), Bedingung und wesentlicher Teil des natürlichen Lebens und seiner Entwicklung schon immer waren und in uns Menschen reflexiv geworden sind. So besonders und herausgehoben uns diese Fähigkeit erscheinen mag oder auch wirklich ist, sie so fremd und polarisiert zum übrigen Leben und seiner Evolution zu verstehen, ist zwar sehr etabliert und populär, steht aber auch bei H. als Behauptung, die ebenso weitreichend ist, wie sie anderseits unbegründet bleibt. Eine so eigenartige Empfindung und Wahrnehmung uns selbst im Zusammenhang damit wechselweise als ganz toll oder besonders nichtswürdig zu verstehen, könnte durchaus viel mit der ungeheuerlichen Selbstermächtigung zu tun haben, alle anderen Menschengattungen vor gar nicht so langer Zeit ausgerottet zu haben und vor allem deswegen so isoliert dazustehen.

Eine besondere Fähigkeit der Reflexion ist jedenfalls etwa bis vor 150 Jahren durch Landwirtschaft zum Teil der Evolution zu mehr Biodiversität, Fruchtbarkeit, Vitalität und Vielfalt von wilden und nichtwilden Tieren und Pflanzen geworden.*5 Für diesen durchaus sehr beachtlichen Bereich der Evolution von Natur und Leben, sind wir ebenso unentbehrlicher Teil, wie die meisten anderen Organismen in den Zusammenhängen ihre Biotope. Damit ist bei allen Mängeln und Unzulänglichkeiten vielleicht das wichtigste Beispiel genannt, wo unsere Reflexionsfähigkeit zum sichtbarsten und unzweifelhaftesten Erfolgsmodell für Evolution von Leben und Lebendigkeit geworden ist.

Um damit auch an die einleitenden Sätze dieser Rezension anzuschließen: Voraussetzung und Bedingung für diese Intelligenz und Gehirngröße, ist soziale Kooperation, Interaktion und Repräsentation. Diese aber erlöschen unmittelbar und kehren sich in Gegenteil bei sozialer Ungleichheit und Hierarchie – ich kann nur einen freien Menschen in seiner Vielfalt und Veränderlichkeit sehen, ihm nur auf Augenhöhe ganz begegnen, mich spiegeln, erleben, bilden, intelligent werden und bleiben. Durch Hierarchien und Ungleichheit verliere ich sehr schnell die Möglichkeit einer solchen Interaktion, mein komplexes Selbst überdreht und kanalisiert sich in Vereinseitigung, wird stumpfsinnig, verblödet, wird hohl und rasend!*6

Menschenrechte, Tierrechte, Gesetze, oder auch moralische und ethische Regeln und Normen, lassen sich so bei aller Notwendigkeit einer fortdauernden Kritikwürdigkeit und Erneuerung (die schließlich immer Teil des Prinzips von Evolution war!), als einige der gelungene Erfindungen des Lebens begründen, die es sich selbst  (oder wir als Teil von ihr) zur Voraussetzung und Bedingung seiner Erhaltung und Evolution gemacht hat. Eine grundsätzliche und kategorische Unterscheidung und Trennung zwischen Biologie bzw. seiner Teildisziplin Verhaltensbiologie einerseits und andererseits der Erfindung, Einbildung und Umsetzung z. B. von Grundrechten, die aus unserer reflexiven Intelligenz hervorgegangen sind, lässt sich kaum begründen und argumentativ durchhalten.

Begründen und ableiten lässt sich um so besser, dass Vorstellungen von Göttern über Leben und Natur oder gar des einen monotheistischen Gottes, mit dem offensichtlichen Geheimnis von Energie, Materie, Raum und Zeit, von Natur und Leben, seinen vielen Dimensionen und multikausalen Zusammenhängen, unvereinbar scheinen und also insoweit und in diesem Sinne nichtexistent und unrealistisch sind: Warum sollte es irgendwie vor, nach, neben, unter oder sogar höher und über Natur und Leben etwas geben, was noch logischer, noch mehr Sinn macht und wunderbarer und noch geheimnisvoller ist?! Ich kann jederzeit und mit nicht zu übertreffender Sinnlichkeit und Greifbarkeit, dies wunderbare von Natur und Leben selbst, riechen, schmecken, fühlen, sehen, analysieren, erforschen und nachweisen und ebenso zeigen und wahrnehmen lassen. Einem spirituellen oder religiösen Menschen ist das gegenüber einem, der z. B. einen „methaphysischen, monotheistischen Gott daher für Blödsinn hält, noch nie gelungen.

Noch weit unvereinbarer mit der Evolution von Leben zu Vielfalt, Ausdifferenzierung und Dezentralisierung, sind tatsächlich Vorstellungen von Wohlstand und Besitz durch Monokultur, Monopolisierung und Zentralisierung von Grund und Boden, von Ressourcen, der Erzeugung von Lebensmitteln, und deren weiterer Abstrahierung als Geld und Kapital.*7 Reichtum mit Wohlstand, im Sinne von sehr viel mehr und exorbitant mehr Besitz als andere Menschen, gleichzusetzen, entspricht sicher einer denkbar blödesten Erfindung und Verwechslung, welcher sich Menschen überhaupt nur hingeben können: Das Vermögen mit nicht zu übertreffender Sicherheit, eine Vielfalt und Vielzahl an lebendigen Beziehungen zu anderen Lebewesen und Menschen gebildet zu haben und immer weiter bilden zu können, ist niemals zu vereinbaren mit der Einbildung, Konstruktion und Abstrahierung, Grund und Boden, Immobilien, Geld und Kapital abgrenzen, konzentrieren und monopolisieren zu können. Der Film The sozial Network, ist für mich eines der besten Beispiele dafür, diese Unvereinbarkeit anschaulich gemacht zu haben.

Harari aber unterscheidet nach einem allzu simplen Denkmuster Erfindung und Einbildung einerseits und Biologie anderseits, ohne sich weiter darum zu kümmern, mit welchen inneren Bildern und welchem Erfindungsreichtum zu Vielfalt und Ausdifferenzierung das Leben schon immer erfolgreich war und wo strikte Vorstellungen einer Gruppe, von Rasse und Ethnie, von Monokultur, Hierarchie, Monotheismus, Sexismus, Nationalismus, der Ein- und Ausgrenzung usw. entgegen der Evolution zu ihrer Umkehrung und zu den schlimmsten und schließlich globalen und ungeheuer nachhaltigen Verbrechen und Zerstörungen führen. An Stelle sich um offene und bewegliche Differenzierungen und deren Ausformulierung zu bemühen, gefällt sich Hariri lieber im Zynismus eines Voltaire der auch schon froh war, dass sein „Anwalt, Schneider, Kammerdiener und selbst seine Frau an Gott glauben;“ um selbst glauben zu können, dass er dann „weniger beraubt und betrogen“ wird (S. 141). Für Harari „gibt es“ schließlich „keinen Ausweg aus der erfundenen Ordnung (von Göttern, Geld, Gesetzen und Menschenrechten). Wenn wir die Gefängnismauern niederreißen, um in die Freiheit zu laufen, landen wir unweigerlich im Hof eines noch größeren Gefängnisses.“ (S. 151)

Eine kreative und beweglich-offene (Selbst)Konfrontation mit Geschichte würde sicher anders formuliert sein. Harari weicht ihr mit solchen sehr gewöhnlichen und etablierten Stilisierungen und Konstruktionen von Desillusion und Realismus aus. Er verhindert damit die Offenlegung eines ganzen Kosmos an Verschiedenheiten von Erfindungen, die in Bezug auf Leben, seine Erhaltung und Entwicklung innovativ und sinnvoll, erfolgreich, beweglich, veränderlich und erneuerungsfähig sind und solchen, welche zu ungeheuerlicher Starre und Vereinfachung, Monokultur, Konzentration, Monopolisierung, Selbstbeschränkung und deren ebenso weitreichender Anmaßung und Zerstörung führen.

Auch auf Seite 203 erliegt er seiner Selbstgefälligkeit und Stilisierung als Desillusionierer, indem er die populäre These aufgreift, dass Gleichheit und Freiheit in unvereinbarem Widerspruch zueinander stünden. Auch in der Deutschen Verfassung finden wir eine Variante dieser Ansicht, dass „jeder das Recht auf freie Persönlichkeitsentwicklung hat, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“, als Grundrecht formuliert (Art. 2). Allerdings gleicht der Versuch Freiheit durch Ungleichheit und Unfreiheit anderer Lebewesen und Menschen zu erlangen dem völlig blödsinnigen Versuch eines Musikers, sich durch ein Instrument zu verwirklichen, dessen Seiten nicht frei schwingen können.

Meiner Überzeugung nach stellt sich die absolut entscheidende Frage, wie es sein kann, dass die Geschichte der Menschheit so wesentlich von einer solchen Unmöglichkeit geprägt war; Reichtum, Freiheit, Leben und Lebendigkeit erlangen zu wollen, durch Minderung, Ausgrenzung und Ausschluss anderer Lebewesen und Menschen an solchen Teilhabungen und Bedingungen. Angefangen bei Viren, Keimen und Parasiten, über Pflanzen, Säugetiere und Menschen, gab es noch nie ein Lebewesen, das frei oder reich im Sinne einer Unzahl von nutzbaren und zugänglichen Möglichkeiten der Verwirklichung und Entwicklung war, oder gebildet, intelligent und von ausgeprägter, beweglicher und eigener Persönlichkeit, auf Kosten und zu Lasten der Freiheit und des Reichtums anderer Lebewesen und Menschen. Es ist allerdings zum Sport von Industrie und ihrer Wissenschaft geworden, mit großem Eifer und sehr ausgiebig vom Kampf gegen Viren, Keime und Parasiten als hochgefährliche Killer zu berichten. Der Aspekt, dass sie zur essentiellen und immer fortdauernden Bedingung unserer Existenz als ausdifferenzierte und vielseitige Lebewesen gehören, wird mit solchen sehr bequemen, gewöhnlichen und leichtsinnigen Simplifizierung ausgeblendet. Es scheint so folgerichtig, dass sie sich daraus folgend mit großer Aggression gegen Monokultur, Sterilisation, Pestiziden und Antibiotika wehren, in einem Kampf, durch den jede menschliche Protestkultur gegen den Stumpfsinn von Monokulturen, Industrialisierung von Landwirtschaft und Tierhaltung oder Kapitalismus, Rassismus und Nationalismus, ihre besten Inspirationen erhalten kann. Wir sind nicht intelligenter, sondern sehr viel dümmer als die meisten Viren (als denkbar einfachste Form eines Organismus), wenn wir glauben, dass wir über eine gewisse Herausforderung und Provokation hinaus (welche allerdings heftig sein kann), uns zu unserem Vorteil und unserer Bereicherung über andere Lebewesen und Menschen erheben und ermächtigen könnten. Viren, so wie auch jede andere lebendige Struktur und Organisation, erzeugen ihre relative Omnipräsenz und Unsterblichkeit viel mehr aus einem Ausgleich von Eigenheit und Integration zwischen Gast und Wirt, welche zum wechselseitigen Reichtum an Vielseitigkeit, Ausdifferenzierung bzw. ihrem Äquivalent und Bildung und Intelligenz, viel mehr beitragen.

(Entwurf 1. Teil – Fortsetzung folgt.)

Besonders im letzten Kapitel „Das Ende des Homo sapiens“ (S. 484), baut Harari seine Erläuterungen und Aussagen auf Begriffen, Behauptung und Implikationen auf, die ihrerseits nicht begründet und abgeleitet sind. Seine Formulierungen werden immer kategorischer und wirken jedenfalls auf mich z. T. schon sehr plump und dreist: „Es mag sein, dass der Homo sapiens auf einem größeren Spielfeld agiert als jeder andere Organismus, doch auch dieses Spielfeld hat seine Grenzen. Trotz aller Anstrengungen und Leistungen konnten wir diese von der Biologie vorgegebenen Grenzen lange Zeit nicht überwinden.“ Wo, wann und wie hat „unser Spielfeld“, oder setzt „die(!?) Biologie“ welche Grenzen?! Was an den Kompositionen von Mozart oder dem Gitarrenspiel von Jimmy Hendrix ist für Harari begrenzt und sollte nicht viel mehr als unvergleichlicher Hinweise auf die Grenzenlosigkeit des Spielfeldes von Biologie begriffen werden. Es ist doch eigentlich eine so triviale Überlegung, dass Masse oder massenhaftes, quantitatives, monopolisiertes, einseitiges, simples usw. sehr schnell an Grenzen stößt, die nur zum Preis einer ungeheuren Verschwendung von Ressourcen und Zerstörung von Leben und Lebendigkeit, überwunden werden können. Eine Nachempfindung und Nachdenklichkeit aber beispielsweise, die sich ausdifferenzieren in endlosen Vernetzungen und Assoziationen, sind nicht begrenzt, sondern prinzipiell grenzenlos! Wie schon erläutert, gehört es in Analogie dazu offenbar zur wesentlichen Logik des Lebens, sehr aggressiv gegen Keimfreiheit, Monotonie und Monopolisierung vorzugehen, sie sozusagen ein- und auszugrenzen, um andererseits Vielfalt, Ausdifferenzierung und Komplexität um so exzessiver und hemmungsloser grenzenlos werden zu lassen. Innovation, Sensibilität, Feinmotorik, Leidenschaft, Menschenkenntnis, Humor, Ironie, usw., mit welchen Hendrix und Mozart als zwei der genialsten Musiker spielten und ihre Biologie damit in beispielloser Weise entgrenzten, lassen sich in ebensolchem Ausmaß auch auf Selbstwirksamkeit und Heilungsprozesse des eigen Körpers und der eigenen Psyche anwenden. Auch hier haben Menschen geleistet, was Mediziner gerade auf Grund modernster Diagnosetechniken nicht für möglich hielten und zwar auch und gerade ohne Medikamente und Eingriffe der modernen Schulmedizin.

Damit wird meine ich ein menschengemachtes Verhängnis und die destruktive Seite von technischer Zivilisation und Industrialisierung ein weiteres Mal überdeutlich. Harari gibt sich sehr zuversichtlich, dass „Intelligentes Design“ durch „Biotechnik“ (bzw. Gentechnik), „Cyborgtechnik“ und „nicht-organisches Leben“ (S. 487) schon jetzt oder in naher Zukunft „weitreichende Veränderungen an unserem Körperbau und unserem Immunsystem vornehmen und unsere Lebenserwartung steigern könnte“ (S. 492). Er meint darüberhinaus allen Ernstes, dass sich „vielleicht mit Hilfe der Gentechnik nach der kognitiven Revolution, eine weitere kleine Veränderung in der Struktur des Gehirns anstoßen ließe um so eine neue Form des Bewusstseins zu erzeugen, die den Homo sapiens in ein völlig neues Wesen verwandelt.“ (S. 492) Harari lässt unbeachtet, dass Konzepte, Methoden und Umsetzung von Technisierung und Industrialisierung (und die hinter ihnen stehenden Megakapitalinteressen!), immer einherging mit exzessiver Monopolisierung, Monokultur, Zentralisierung und Simplifizierung. So war die Energieversorgung und Speicherung vor der Industrialisierung durch Wasserräder, Windräder und Teiche solaren Ursprungs und sozusagen von Natur aus dezentral. Was für eine saubere, intelligente und fortschrittliche Technik hätte sich daraus weltweit und bis heute entwickeln können, wenn Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft bei den zahlreichen Varianten der direkten und indirekten Nutzung einer solch unerschöpflichen Energiequelle im wesentlichen geblieben wäre?!

Für den Machthunger politischer Akteure oder die Geldgier von Investoren hat Solarenergie allerdings den unverzeihlichen Nachteil, dass sie viel weniger konzentriert ist und sich also als solche viel schlechter monopolisieren und kapitalisieren lässt. Ganz anders bei Ressourcen wie Kohle und Erdöl, deren Nutzung schnell zu einer unvergleichlichen Konzentration von Macht und Kapital und anderseits von Ausbeutung und Armut führte. Es wurde auch zur Ursache einer Polarisierung zwischen beispielloser Schinderei und andererseits damit zusammenhängend sehr weitreichender Arbeitslosigkeit.

Zweifellos kann uns eine Kulturtechnik wie Schrift oder auch die Instrumentalisierung von Naturkräften voranbringen und schlauer machen. Begreifen wir allerdings Intelligenz auch oder sogar im wesentlichen als Fähigkeit, Probleme zu lösen und Schwierigkeiten zu meistern, so haben uns technische Konzepte und ihre megaindustrielle Anwendung und Umsetzung in Bezug auf die Herausforderung von Leben und Lebendigkeit und ihre weitere Evolution und Nachhaltigkeit nicht nur nicht weitergebracht, sondern an den Rand ihrer nie da gewesenen Verwüstung, Zerstörung und Negation gebracht – wir sind also insgesamt im Sinne des (menschlichen) Lebens, seiner Vitalität und Dauerhaftigkeit, nicht nur nicht schlauer geworden, sondern menschliche Intelligenz ist unter einen niedrigen Wert vielfach schon sehr weit ins Negative gefallen.

Demnach können wir sicher sein, dass Technik nach dem Konzept von strikter Ein- und Ausgrenzung, Patentieren, Isolation, Monokultur, Monopolisierung und Konzentration nicht konstruktiv und intelligent sein kann oder dass so programmierte und benutzte Computer jemals das (Potential!) von menschlichem fühlen und denken erreichen oder gar übertreffen können. Es ist ein definitiver wenn auch allerdings sehr aufwendiger und raffinierter Selbstbetrug, erst um den Preis sozialer und zwischenmenschlicher Fähigkeiten Maschinen zu entwickeln, zu programmieren und in Anwendung zu bringen und dann derartig desensibilisiert und abgestumpft, sich von ihr über eine scheinbare menschliche Kommunikation täuschen zu lassen. Die Algorithmen der Rechner von Amazon, Facebook oder Google, die ja selbst Teil (der Entwicklung) von Künstlicher Intelligenz sein sollen, lösen eine elementare Herausforderung und Schwierigkeit (menschlicher!) Intelligenz kaum oder gar nicht, bzw. sie vergrößern diese in der Summe nur: Indem sie den Usern Fertigkeiten der Orientierung, Recherche oder sozialer Kontaktfindung abnehmen, gehen sie ihnen abhanden; sie lernen also (erneut!) nicht nur nichts eigentliches und relevantes von menschlicher Intelligenz – indem sie Menschen zu Passivität und Prozessen des Verlernens manipulieren (bzw. diese sich derartig manipulieren lassen!), werden auch sie nur massenhaft und sehr aufwendigen Klunker produzieren, sich allerdings vom Potential lebendiger und menschlicher Intelligenz nur um so weiter entfernt haben!

Damit soll keinesfalls gesagt sein, dass z. B. Computertechnologien destruktiv sein müssen. Open Source Konzepte erscheinen mir im Zusammenhang damit in in jeder Hinsicht konstruktiv. Dass aber der weitaus größte Teil aller Mittel für Infrastruktur und Forschung in Gentechnik, Cyborgtechnik oder KI von Konzernen und Investoren kommt, deren völlig verkümmerte und armselige Phantasie, sich nur von Millionen und Milliarden immer passiverer Konsumenten noch stimulieren lässt, wird nur zu weiterer und sich wechselseitig immer schneller entwickelnder Desensibilisierung, Stumpfsinnigkeit und Verblödung führen. Das allersetzte woran Global Player wie Apple, Google, Amazon und Facebook und ihre Megakapitalgeber Interesse haben, sind autonome, individuelle, vielseitige, sensibilisierte und also in diesem Sinne gebildete Kunden und User, die möglichst frei und unabhängig (von deren Angeboten und Dienstleistungen!) Probleme lösen und Schwierigkeiten meisten können. Es widerspricht und ist im elementarsten Sinne unvereinbar mit ihrem Konzept der absoluten und sich immer weiter beschleunigenden Monopolstellung und Kapitalkonzentration an den Aktienmärkten. Damit aber ist im selben Ausmaß die Möglichkeit verschwunden und darüberhinaus meterdick zubetoniert, jemals zur Ursache oder zum Ausgangspunkt von dem zu werden, was man im eigentlichen Sinne Bildung, Intelligenz oder künstlicher Intelligenz nennen könnte.

In Bezug auf Technik, ihr Konzept und ihre Anwendung, stellt meist die immer gleiche Schwierigkeit und Herausforderung, welche faktisch nicht nur nicht gelöst worden sind, sondern von deren Überwindung wir uns durch sie in den meisten Fällen nur um so weiter entfernt haben: So etwa bei bildgebenden Verfahren in der Medizin, mit deren sehr dominierender Funkton und Anwendung, Patienten und Ärzte ihre Sensibilität, Aufmerksamkeit und Selbstwirksamkeit verlernen und sich nur noch abhängiger machen von scheinbar unzweifelhaften und objektiven Diagnosen der Werte und Bilder.

1  Yuval Noah Harari – Eine kurze Geschichte der Menschheit 2. Auflage März 2015 ### 2  Vergl. a. Evolution, Denken, Kultur – Das soziale Gehirn und die Entstehung des Menschlichen, Heidelberg 2016 ### 3  Vergl. Spektrum der Wissenschaft – Der Siegeszug des Homo sapiens 18.05.2016 ### 4  Die Macht der inneren Bilder – Wie Visionen, das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern, Gerald Hüther S. 31 ### 5  „Die klimatische Stabilität des seit der letzten Eiszeit herrschenden Erdzeitalters, des Holozän, habe die Menschheit erstmals dazu veranlasst, „in großem Maßstab in ihre Umwelt zu investieren, anstatt sie lediglich auszubeuten“,sprich Land- und Forstwirtschaft zu betreiben“. Wege aus der Hungerkrise – Die Erkenntnisse und Folgen des Weltagrarberichts: Vorschläge für eine Landwirtschaft von morgen ### 6 vergl. a. https://www.heise.de/tp/features/Air-Rage-wegen-sozialer-Ungleichheit-3211187.html „Air Rage“ wegen sozialer Ungleichheit 5. Mai 2016 ### 7  vergl. a. Gretchenfrage – fuehlenunddenken.de ### 8 Vergl. z.B. fuehlenunddenken.de Das Prinzip Nachhaltigkeit & Der hohle Krieg oder die Fülle des Friedens

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