Liebe und Freiheit sind unzertrennlich!

Essay und Erwiderung zu Sex ist kein Sandwich von Amia Srinivasan1

I think it’s very much the fear of change, the fear of something different, the fear of anything that threatens their way of life. That’s what people are afraid of. People dont like to think that what they have believed their whole life is in question because that just puts their whole life in question.2

Liebe und Freiheit sind unzertrennlich!

Sex und Freiheit sind ebenso unzertrennlich! Ebenso Leben, Lebendigkeit, Intelligenz, Bildung, Vielseitigkeit … alle sind ohne Freiheit hohl und bedeutungslos, können sich nicht entwickeln und erhalten, sondern verkümmern …

Durch nichts entfernen wir uns weiter vom Körper anderer (und damit auch vom eigenen Körper!), als allein schon durch den Versuch erzwungener Liebe und von erzwungenem Sex. Dass das bestimmt so ist, gehört, meine ich, zu einem sehr alten Wissen aus der Evolution von uns Menschen: Ich kann nichts lernen an Fülle, Wesen, Vielfalt, Sinnlichkeit usw. in anderen (von mir!) wahrnehmen und erleben, wenn sie gezwungen sind, sondern nur eine mickrige Verzerrung, die mich aushöhlt und in Raserei jagt.3

Widersinn und Kritikwürdigkeit von Srinivasans Essay oder auch seiner redaktionellen Aufmachung durch die WOZ, besteht für mich darin, dass sie im wesentlichen einen Mörder und rassistischen Typen sowie die Gewaltphantasien und Hassbotschaften von Inceln zum Anlass nehmen, die Frage zu diskutieren, ob es ein Recht auf Sex gibt. Und wenn wundert es? Es kommt raus; nein, insbesondere solche Verbrecher (und eigentlich auch sonst niemand) haben kein solches Recht … Was ist mit Leuten, die nie übergriffig werden, sich auch keinerlei Recht auf Sex einbilden (wollen!) und von sehr allgemeiner Teilhabe (und also auch von Sex) so weitgehend ausgegrenzt und ausgeschlossen werden?

Einsamkeit ist nach dem Arzt und Psychiater Manfred Spitzer die tödlichste Krankheit in den westlichen Gesellschaften.4 Auch wenn wir von den Einsamen nur solche nehmen, die ohne oder fast ohne Berührung, Zärtlichkeit und Sex mit einem Partner sind, so erkranken und sterben an dieser ruhelosen, unfriedlichen und quälenden Situation sicher sehr viel mehr Leute, als es Incel gibt, die Hassbotschaften schreiben, gewalttätig werden und töten. Warum schreibt Srinivasan und veröffentlicht die WOZ nicht zuerst und vor allem von jenen, an Stelle eher noch einer Intention von Elliot Roger und denen mit ihren Hassbotschaften und Vergewaltigungsfantasien, nachzukommen und sie weitere Male zu Schwerpunkten von Medienbeiträgen zu machen?!

Die, wie mir scheint, nach Srinivasan schon sehr streng und kategorisch gedachte Unvergleichbarkeit von Sandwich und Sex vernachlässigt, dass etwa ein altes Ritual wie das Teilen von Nahrung schon Nähe, Vertrautheit, Zugehörigkeit, Offenheit und dergleichen voraussetzt und erzeugt. Bezogen auf das konkrete genannte Beispiel, werden Kinder und Jugendlichen, die an solchen und anderen vergleichbaren kleinen Ritualen auf dem Schulhof teilhaben, auch sicherlich leichter Intimpartner finden.

Srinivasan diskutiert als eine Perspektive gegen Ende ihres Textes die Frage, „ob es eine Pflicht gibt unserer Begehren so gut wie möglich umzugestalten.“ Meiner Überzeugung nach, die ich in dieser Rezension erneut erläutern und ausarbeiten möchte, brauch es und sollte es eine solche Pflicht nicht geben. Ich bin ebenfalls sehr davon überzeugt, dass wir Menschen zur Freiheit verurteilt sind.5 Das heißt auch; Liebe, Lust, Sex und Begehren können erst und mit Notwendigkeit lebendig, erfüllt, bedeutend und wesentlich sein, durch wechselseitige Freiheit aller Beteiligten:

Das Eigene, das Selbst oder auch was wir so Ego nennen, lebt in nichts mehr als in, mit und durch die Beziehung, die Wahrnehmung, das Spüren und Begreifen von Anderen. Ebenso lässt sich auch das besondere eigene nur erfahren, entwickeln und erhalten in der Besonderheit von Anderen.6 Alle die wirklich selbstbezogen im eigentlichen Sinne, narzisstisch meinetwegen und egoistisch sein wollen, müssen zuallererst einsehen, dass also Selbstbezogenheit, nichts anderes mehr bedeuten kann, als lebendige und freie Beziehungen auf Augenhöhe zu möglichst verschiedenen und möglichst vielen anderen Lebewesen und Menschen:

Welcher Musiker will schon ein Instrument, das nicht in Stimmung ist, dessen Seiten nicht frei schwingen können? Wer will schon einen verzerrten und zersprungenen Spiegel, in dem er nur eine kümmerliche Fratze vom eigenen Selbst erkennen kann? Wer will schon einen zerstörten Spiegel, auf Generationen, in dem das eigene Selbst hätte erlebt und weiterleben können, ewig!7 vielleicht und in so wesentlicher und einmaliger Weise? Wer will das schon, wenn er das Paradies einmal erlebte – die ganze Fülle an Leidenschaft und Sinnlichkeit einer Beziehung auf Augenhöhe, frei und gleichberechtigt? Kinder, darauf deutet viel hin, wissen das, sind von sich aus und selbst entgegen einer entsprechenden Prägung, nicht diskriminierend und nicht rassistisch, sondern viel mehr hilfsbereit und solidarisch.8

Textbild von S. 3 der SZ – Die Sklavin 13./14. Juni 2015

Für das was ich meine, will ich gern eine Seelenlandschaft zeichnen: Eine große Villa mit vielen Räumen, Kammern und Winkeln, Dachböden und Kellergewölben und einem großen Park mit Bäumen und einem See. Besonders an dem Anwesen als Bild für das Selbst ist, dass die meisten Räume und Orte im Park nur mit und durch entsprechend viele verschiedene andere Personen betreten und ausgeleuchtet werden können. Vor allem was in den unzähligen Regalen, Schränken und Schubladen sich verbirgt, kann meist und im wesentlichen nur durch andere zugänglich, einsichtig und begreiflich gemacht werden. Viele allerdings halten nur einige wenige Räume im Erdgeschoss schon für das eigene ganze Selbst. Es sind die Räume, welche die eigenen Eltern und Bezugspersonen in (früher) Kindheit einmal vertraut gemacht haben.

Sich von neuen Gegenübern und Partnern Räume zeigen zu lassen, die sich etwa nach der düsteren und steilen Kellertreppe oder der ebenso unheimlich knarrenden Leiter zu den Dachböden verbergen, davor haben sie Widerstände und Angst. Was sich dort allerdings alles zeigen würde! Im Keller, neben vielem anderen, von oben verborgenem, ein Musikraum mit tollen Instrumenten und einer Akustik, die gerade Stimmen ganz besonders klar und schön erklingen lässt. Wer meinte unten nur Räume ohne Tageslicht und Zugänge finden zu können, wird überrascht sein, dass das Gelände nach hinten abfällt und viele Räume mit großen Fenstern nach draußen weisen. Die Leiter hoch eine Dachterrasse mit Blumen und Kräutern und eine Ausblick fast über das ganze Gelände und weit ins Land hinein … Und: Ihre Wirkung verlieren die Räume und Orte nicht, in die wir nicht eintreten und uns zeigen lassen, im Gegenteil: Je mehr Lebendigkeit und Vielfalt einmal in ihnen angelegt war, desto mehr gammeln sie nun, setzen Schimmel an, fangen an zu muffeln. Die Fenster werden immer schmutziger, lassen kaum noch Licht herein …

Viele setzen nun viel Aufwand daran, einen Weg zur Villa immer besser auszubauen, hübsch zu machen, wie auch jene wenigen Räume und sich endsprechend von jenen Fremden, die auf verwilderte, brach liegende, düster und staubig gewordenen Orte und Räume hinweisen, abzugrenzen und zu distanzieren. Es ist auch eine mächtige Furcht vor dem ungelebten Leben, die große Angst vor dem Eingeständnis, sich längst viel zu sehr festgelegt zu haben auf die Eingrenzung nur eines sehr kleinen Teils des eigenen Wesens und der eigenen Lebendigkeit … Wie mühsam und verkrampft das ist, ständig entsprechend auch andere festlegen und eingrenzen zu müssen! Wie anstrengend, dauerhaft an den Räumen vorbeizugehen, deren Schönheit, Reiz und Besonderheit man einmal spürte, deren subtile und doch irgendwie so unwiderstehliche Wirkung zu leugnen sehr viel Kraft kostet – am Ende jedenfalls sicher sehr viel mehr, als in sie hineinzugehen, sie abzustauben, die Fenster zu putzen usw. …

Passiv und von allein nehmen wir nur den Weg durch den Park zur Villa, die Fassade, vielleicht noch den Flur und eine Ahnung von besagten Räumen in der Mitteletage wahr. Es ist das, was uns anzieht, leicht verliebt macht, schon durch Prägung, Eltern und Zivilisation sehr vertraut ist usw. Demgegenüber steht, was jedes Kind weiß; was dessen Wissen um Offenheit, Neugier, Unbefangenheit und dergleichen als unumgängliche Voraussetzung dafür, dass es so lernen kann, wie kleine Kinder lernen. Was in den Keller Hinunter, auf das Dach hinauf und weiter in die unzähligen Räume, Winkel und Kammern, zu dem See und den Blumen und Tieren im Park führt, würde eine aktive Wahrnehmung, ein initiatives Begreifen, konfrontatives Reflektieren usw. erfordern entgegen von Gewohnheit, Prägung, Zivilisation, usw. …9

Die Desensibilisierung konstruiert ihre Realität

Wahrnehmung ist so oder so immer und notwendigerweise schon Teil der Wirklichkeit: Eine fröhliche und lustige, oder auch souverän, cool und lässige Person erhält leicht und meist mehr Zuwendung, Zärtlichkeit und Sex. Sie wird noch fröhlicher, das Lächeln wird noch strahlender, ihr Lachen noch gelöster. Sie erhält noch mehr Aufmerksamkeit und Nähe ihrer Wahl usw. … Oder (in Abwechslung) sie wird noch cooler, kann noch mehr ein Spiel von Zurückhaltung und Lässigkeit sich leisten10

so unberührt, ohne Zärtlichkeit so lange zu sein, ist extrem abgefahren, ein irres Gefühl! Zuallererst tut es wahnsinnig weh, ein rasender, lähmender, bohrender und nagender Schmerz … Zuerst bin ich auf ein Jungtier gekommen, das nicht ganz so stark ist wie seine Geschwister, es kann gegenüber den Eltern weniger um Aufmerksamkeit oder seinen Teil an Nahrung ringen. Es wir noch mehr geschwächt, kann also noch weniger um Nahrung kämpfen usw. … Ich kann nicht schlafen, komme nicht zu Ruhe und Frieden, weil mir die Geborgenheit und Zärtlichkeit fehlt. Vielen wird man durch eine solche Übernächtigung unattraktiver, die Chancen sinken weiter Zärtlichkeit, Nähe und Geborgenheit zu erlangen, ich werde also noch ruheloser, fahriger, nervöser usw. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele:

So schreibt Yael Adler gleich im Klappentext ihres Buches „Hautnah“ wie deutlich sich Stress etwa durch Ausgrenzung und Isolation auf der Haut als „Spiegel der Seele“ zeigen kann. So markiert, wird er noch weiter isoliert, er wird noch heftiger gestresst, es zeigen sich noch heftigere Symptome usw. …Liebe, Sex und Zärtlichkeit machen schön!11 Und was folgt daraus? Für jene die gern passiv wahrnehmen und gerade beim begehren und verlieben bitte so gern bleiben wollen, dass sie sich viel eher denen nähern, die das schon haben, an Stelle aktiv und neugierig eine stille und leise Schönheit freizulegen …12

Sie sind von Natur zu jedem Opfer bereit, doch Opfer werden nicht verlangt!13

Viele sind geneigt, dergleichen als evolutionsbiologisch determiniert zu verstehen, aber abgesehen davon, dass es in Evolution und Biologie in der Summe mehr um konfrontative Integration14 von Krankheiten, Besonderheiten, Kopierfehlern usw. ging als um deren Aussonderung, währe es an uns Menschen, wirklich sozial-aktiv und selbstkonfrontativ zu reflektieren und zu handeln. Und zwar zuallerletzt aus Gründen von Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit oder Aufopferung, sondern im Gegenteil aus Gründen der Bildung von Intelligenz, Vielseitigkeit, Lebendigkeit usw. und also, wenn man so will, aus buchstäblich egoistischen Motiven! Schließlich scheint die Evolution des Gehirns durch nichts anderes mehr gebildet, als durch Empathie und soziale Repräsentation und welcher Egoist wollte schon ein kümmerliches Gehirn15

Welche Frau z. B., die zu sich selbst kommen will, oder welcher Egoist, will schon in Watte greifen oder einen Betonklotz finden; ein Selbst und eine Person ohne Ausprägung, Beweglichkeit und ohne wirklichen Kern? Eine Person und ein Selbst aber sehr ausgeprägt, ausdifferenziert und ausgebildet gleich einer Wurzel und Baumkrone z. B. mit ihren ganzen Spektren an Formenvielfalt, Beweglichkeit und Stamm,16 erfordert nun einmal die durchgehaltene Auseinandersetzung und Diskussion zu solchen, die als schwierig, fremd, unangenehm, anstrengend, rebellisch, traurig, usw. erscheinen oder es sind … Allerdings erst durch und nur mit Dauer der eigenen abgestumpften Blickrichtung und gesellschaftlichen Zuordnung?

Das behinderte und dicke Kind, von dem auch Srinivasan schreibt, ist nicht behindert, unsere Wahrnehmung und Fähigkeit mit Besonderem, Ungewöhnlichem, uns nicht normal erscheinenden umzugehen, ist behindert! Es ist auch nicht zu dick und wenn doch, so oft genug dadurch, dass es einen Mangel Wohlbefinden durch unsere Ausgrenzung mit zu viel Essen – noch dicker sein – noch mehr Ausgrenzung usw. zu kompensieren sucht …

Durch Neugierde, Offenheit usw. besonders auf das wo wir nichts fühlen, sich keine Anziehung, kein Reiz oder Begehren, Verliebtsein und dergleichen passiv und von allen einstellt, was uns viel mehr oft so lästig ist … Dass sich bei solchen Leuten oder in diesen Räumen die allermeiste Fülle an Ausgelassenheit und Grenzenlosigkeit des Lebens verbirgt?!

Kinder sind die wahren Anarchisten, Rebellen und Erneuerer!

Das schönste an Srinavasans Essay finde ich die Perspektive durch schwarze Frauen, um unser Begehren zu öffnen, zu hinterfragen usw. Sie selbst bleibt aber darin, finde ich, viel zu verhalten und inkonsequent. Schließlich sind es noch mehr unsere Wahrnehmung von Kindern und die eigene Kindheit, welche eine wirklichen Öffnung und Freiheit im Begehren, Verlieben und Verliebtsein ermöglichen können.17 Für Srinivasan scheint ein Riesen Dilemma, dass Sex mit nichts wirklich vergleichbar sei; so sehr von Politik durchdrungen und zugleich so unantastbar persönlich … natürlich denke ich; es kann und soll unantastbar, intim und persönlich sein. Eine solch persönliche Intimität einer wirklich freien Wahl nach, ist aber durch nichts anderes mehr entstanden, als mit der durchgehaltenen Annäherung und Nähe verschiedenster Art, zu möglichst vielen und möglichst unterschiedlichen anderen Lebewesen und Menschen.

Viele meinen aber in Perversion dazu, Lust, Leidenschaft und Sex vor allem oder nur durch Ausgrenzung bestimmter Typen und definierter Gruppen triggern zu können, erst die entsprechende Eingrenzung und Fixierung auf anderer Gruppen und Typen gibt noch den besonderen Kick; einen heimlichen Reiz von etwas so leicht und so viel zu haben, wo andere so weit ausgeschlossen und distanziert sind. Haben aber einmal genug von denen, die so eigennützig sind und gern sein sollen begriffen, dass eine solche Intimität der Ein- und Ausgrenzung so arm ist, so klein, unbedeutend, so brüchig, angestrengt, usw. …

All look your best“, Peter warned them; „First impressions are awfully important.“ He was glad no one asked him what first impressions are; they were all to busy looking their best.18 Das finde ich auch deswegen so witzig, weil kleine Kinder sich oft viel Zeit nehmen, etwas zu untersuchen, etwas anzuschauen und oft noch länger, Leuten ins Gesicht und in die Augen zu sehen. Wann hat uns das letzte Mal eine erwachsene Person so aufmerksam und offen wahrgenommen und wann wir selbst das letze Mal einen Anderen?! Ich denke ein Kleinkind bildet mit seiner kaum zu übertreffenden Aufmerksamkeit in dieser Phase aus, Menschen schnell einzuschätzen und es kommt sehr darauf an, auf welches Gegenüber diese Aufmerksamkeit und Offenheit trifft. Viele die etwa aus antirassistischen oder antisexistischen Gründen ohne Vorurteile sein wollen, haben einen übertriebenen Respekt vor solch einem ersten Eindruck und stempeln ihn seinerseits gleich als unzulässiges Vorurteil ab. Dass verhindert dann leider, dass er voll eingestanden und reflektiert wird und so wirklich bewegt, verändert und modifiziert werden kann:

Wie gebildet, differenziert, ausgeprägt, beweglich, vielseitig und lebendig ist unsere Matrix, in der wir anderes und andere Leute wahrnehmen können?! Wie viel Freiraum, Offenheit und Bewegung wird uns ermöglicht in anderen und wie viel ermöglichen wir anderen in uns?
Es sollte einem Baum mit voll ausgebildeter Wurzel und einer Baumkrone in volle Blüte gleichen (eine ebenso tief wie weit verzweigte Verwurzelung und
Überzeugung also19), wie er Wasser und Nährstoffe des Bodens, Wind und Sonnenlicht wahrnehmen, reflektieren und realisieren20 tut – nur dass unser Gehirn, unsere Sinnesorgane und die Ganzheit unseres Körpers nochmals um ein vielfaches komplexer, ausdifferenzierter und vielseitiger ist, als die Gesamtheit einer Pflanze.

Denken wir uns einen beliebigen Begriff (viellicht z. B. Biologie oder Natur) wie Wasser, das in einer Kanne fast so rein, so einheitlich und mit fast der kleinst-möglichen Außenfläche sich befindet. Wir gießen es in einen Blumentopf und denken uns wie es durch und hinein in die feinsten und allerfeinsten Kapillaren der Pflanze fließt und noch weiter durch Photosynthese anteilig in seine Moleküle und Atome zerlegt wird.21 Struktur, chemische Verbindungen, Außenfläche und Bewegung des Wassers, haben durch Vitalität und Leben der Pflanze eine endlose Formenvielfalt, Assoziation und Ausdifferenzierung erhalten. Es ist das was in uns passieren sollte nach einer Wahrnehmung, eines Namens, eines Begriffs, einer Aussage einer Frage usw. …

Dem ganz entgegengesetzt, gibt es eine fest etablierte Tradition und Kultur, in Diskursen und Texten von Wissenschaft und Forschung, Begriffe, Ergebnisse und Aussagen klar und einfach abgrenzen und definieren zu wollen. Entspricht etwa ein wissenschaftlicher Text oder auch Aussagen innerhalb einer persönlichen Auseinandersetzung nicht solchen Ansprüchen und Erwartungen von Reduzierung und Simplifizierung, werden sie schnell als wirr, unklar ohne Stringenz usw. abgewertet und beiseite gelassen. Nichts von einer solchen Klarheit im Sinne von Reduzierung, Fokussierung usw. allerdings, entspricht den multikausalen Parallelentwicklungen und Prozessen innerhalb eines Biotops, eines Organismus oder auch nur einer einzelnen Zelle.

Oder nehmen wir einen Fluß von der Quelle bis zum Meer, der nirgends begradigt und kanalisiert eine endlose Anzahl und Vielfalt an Lebewesen und Biotopen wahrnimmt, realisiert und belebt. Von kleinen bis zu mächtigen Stromschnellen, übrig gelassenen Pfützen, ruhigen Strudeln, wilden Strudeln, versickerndem Wasser usw. usf. …

Viele aber in ihrem Begehren und Verliebtsein, nehmen nach einem allzu simplen, kanalisierten und verfestigten Beutemuster meist und in dieser westlichen Zivilisation nur bestimmte Typen war, nach dem Motte; der eignet sich bestimmt gut zum verlieben, zärtlich sein und Sex haben, jener um so mehr dafür, ihn zu distanzieren und auszugrenzen, gleichsam um die eigene so brüchige wie aufwendig erhaltenen Konstruktion von Fixierung, Fetischismus oder Monogamie zu stabilisieren.22 Fatal ist dabei, dass auch jede sexuelle Intimität und Nähe uns weit zurückbringt in die eigene Kindheit – d. h. entweder dass wir uns wirklich und radikal erneuern oder, ebenso radikale Muster weiter festbetonieren. …

Frei oder auch impulsiv entscheiden was Sex ist und was nicht und was wer will und was nicht und dennoch um so mehr immer neu fragen und nachempfinden …

Ein unberührtes und vernachlässigtes Kind wird oft ebenso heftig wie vergeblich sich selbst zu stimulieren und zu befriedigen suchen, manchmal bis zum wund und blutig sein. Schon die leichte und fragende Berührung – Magst du berührt werden? Magst du umarmt werden? – reicht aber oft, das Kind ruhig und friedlich werden zu lassen. Das Kind zeigt uns damit seine ganze Offenheit und Fähigkeit, eine Berührung und Zuwendung für sich selbst als eigentlich wertvoll anzunehmen; als Möglichkeit seine Autoaggression und Selbstfixierung zu lösen. In der persönlichen Geschichte eines jeden Menschen sind diese Gelegenheiten und Momente, ihn zu sehen, zu berühren, eine Frage zu stellen und dergleichen, die eine eskalierende Gewalt gegen sich selbst oder andere verhindern … allerdings durch und mit jener Fähigkeit, auch einen flüchtigen Eindruck rasch, weit und komplex reflektieren und assoziieren zu können.

Der Mörder von John Lennon konnte nicht schießen, seine extrem auf einen Anderen gerichtete Aggression umsetzen, solange er in der Freundlichkeit seines Gegenübers den ganz anderen Menschen sah, als jene Fixierung, in der er sich hineingesteigert hatte. Er und sicherlich auch Elliot Roger hätten nicht ihren Hass und ihre Mordphantasien dermaßen weit getrieben, wären sie früher und öfter Leuten in wechselseitiger Unbefangenheit begegnet und hätte so lernen und sich erinnern können, dass sie Niemanden zu irgendwas zwingen oder gar verletzten und töten können, ohne dass alles was in ihnen lebt und lebendig sein kann so vollständig erlischt.23

Indem Srinivasan ein und noch einmal die Unvergleichbarkeit von Sex und Sandwich wiederholt, macht sie es sich zu einfach. Sie blendet damit um so mehr aus, dass das schließen von Bekannten- Freundes- oder akademischen und anderen institutionellen Kreisen ebenso Teil einer Isolation und Ausgrenzung von Menschen ist, die, wenn auch längst nicht so spektakulär, die noch größere Katastrophe ist, als Hassbotschaften, Gewaltphantasien und Amokläufe von Inceln. Auch ihr Text selbst ist Teil davon, indem er vorwiegend aus Anlass von letzteren seine Thesen diskutiert und viel weniger von denen handelt, die in großer Überzahl ihre Einsamkeit bzw. auch sexuelle Isolation ohne Aggression selbst erleiden, welche erkranken und sterben. Nehmen wir z. B. viele Frauen hierzulande in der Pflege, die sehr isoliert und oft aus anderen Ländern die Nähe und Intimpflege leisten, die in so großen Teilen unsere Unachtsamkeit und Missachtung in dieser Beziehung erst notwendig macht.

Wir sind nur und nichts als Körper

Das ganze Gequatsche von Geist, Übersinnlichem, Metaphysik usw., ist deswegen so albern und blödsinnig, weil Körper sehr viel mehr das ist, was Wechsel, Bindung, Lösung, Wärme bzw. z. B. schon bei der Atmung und im atomphysikalischen Mikrokosmos Energie, Resonanz, Raumzeit, Ort, Nichtort, Unschärferelation, usw. ist und gar nicht das, was fest, energielos und unbeweglich ist. Zu eigen und zum Wesen kann uns Körper als solcher nur sein und werden, indem wir ihn seiner Vielseitigkeit, feinsten und allerfeinsten Abstimmung, Ausdifferenzierung und Organisation nach ebenso frei und vielseitig (mit)teilen, wechseln und tauschen können. Körper, Individualität, Wesen, Selbst und Ego lösen sich im Zuge einer solchen Wechselseitigkeit nicht etwa auf, sondern erzeugen sich im Gegenteil erst wirklich: Unverletzlichkeit und Unantastbarkeit des Körpers ist dabei sein verstummen und erlöschen durch Gewalt, Zwang, Fixierung, Monotonie usw. … Allerdings verwechseln viele gern die ungeheuer konzentrierte Energie einer Kanalisierung, mit einer wirklichen Empfindung von Leidenschaft, Liebe und Zärtlichkeit der endlosen Ausdifferenzierung, Assoziation und Offenheit.

Entsprechend ist auch alles was wir zu Recht unser Vermögen im Sinne von endlos zugänglichen Möglichkeiten der Verwirklichung durch Intelligenz, Bildung und Vielseitigkeit nennen können nur das, was wir teilen können und zwar so lange, bis alle Menschen in etwa den gleichen Zugang zu Ressourcen solcher Art erhalten. Demgegenüber ist jeder Versuch der Monopolisierung, Fixierung, Ein- und Ausgrenzung von Kapital, Bildung und von Ressourcen jeder Art, das krasse Gegenteil von Reichtum an Bildung, Intelligenz usw. der endlos zugänglichen Möglichkeiten von Selbstverwirklichung. Es ist viel mehr die krasse Manifestation von Armseligkeit, Stumpfsinnigkeit und Verblödung und mag ihre Fassade noch so aufwendig und raffiniert konstruiert sein.

Ein guter Text aber z. B. ist auch der ganze Körper oder möglichst viel von ihm, von der eigenen Person und vom eigenen Selbst … Den wir also viel mehr diskutieren, dialogisieren, teilen, ändern können und der viel weniger die unveränderliche Schriftstellerei ist, der Monolog, der Unterricht oder die Vorlesung.

Zum Abschluss und als Fazit, will ich drei Forderungen stellen: 1. Das Versäumnis nachzuholen sich zuerst und vor allem mit jenen autoaggressiven und jenen die Einsamkeit und sexuelle Isolation selbst erleiden, thematisch zu befassen. Sie zu Wort kommen lassen, auf Augenhöhe befragen usw. … Warum sollte Feminismus mehr oder weniger mit dem einen oder anderen zu tun haben?! … 2. Sehnsucht, Verlieben und Begehren noch mehr an Hand der Wahrnehmung von Kindern bzw. der eigenen Kindheit zu hinterfragen, zu lösen und zu öffnen. 3. Dass eine Professorin wie Srinivasan oder auch die Redaktion der WOZ zumindest und für den Anfang hin und wieder Texte veröffentlichen und veröffentlichen lässt, die von Beginn an für Kommentare, Kritik, für Änderungen und Ergänzungen und den Diskurs und Dialog offen sind.

Michael Bernhard

1 WOZ 4. Oktober 2018 Gibt es ein Recht auf Sex? In Zeiten, in denen Männer töten, weil sie keinen Sex kriegen, muss sich der Feminismus schwierigen Fragen stellen. POLITIK DES BEGEHRENS Sex ist kein Sandwich Wenn Männer morden, weil sie keinen Sex kriegen, drängt sich eine Kernfrage des Feminismus auf: Wie müsste ein Sexkritik aussehen, die sexuelle Vorlieben unbedingt ernst nimmt – dabei aber nicht vergisst, dass jedes Begehren politisch geprägt ist?

2 Aus: strolling (jamaica) | ep 1 | patois, uptown kingston, depression, caribbean past, homophobia & more – min 10:10 https://www.youtube.com/watch?v=-065MzkR8E8

4 Einsamkeit – Die unerkannte Krankheit – schmerzhaft, ansteckend, tödlich – Droemer 2018

5 zitiert nach Sartre aus seinem Essay L’existentialisme est un humanisme

6 vergl. z. B.: Der hohle Krieg oder die Fülle des Friedens https://www.fuehlenunddenken.de/2015/01/27/der-hohle-krieg-oder-die-erfuellung-des-friedens/

7 Was mir im Käsekeller so durch den Kopf geht …https://www.fuehlenunddenken.de/meine-seite-und-ich-3/binneralpe-sommer-2016/

8 Textbild von S. 3 der SZ – Die Sklavin 13./14. Juni 2015 & Dostojewskijs Idiot erzählt von seiner ersten Liebe aus Mitleid: 1996 Amman Verlag S. 98 & Wir kommen hilfsbereit auf die Welt – oya 36/2016 https://oya-online.de/article/read/2282.html?highlight=kinder

9 vergl. a.: Der Weg von Rotkäppchen (oder Das Lügenmärchen vom bösen Wolf) https://www.fuehlenunddenken.de/2011/12/27/200-jahre-kinder-und-hausmarchen/

10 vergl. Eugen Onegin – Alexander Puschkin – Reclam S. 10 & 20

11 Hautnah (2016) – Dr. med. Yael Adler S. 241

12 vergl.: GEOkompakt Sex Nr. 43 S. 42 & ebenfalls Hautnah – S. 241

13 Jane Austen – Emma – Reclam 2016 S. 44

14 vergl. a.: GEOkompakt Nr. 23 Evolution S. 50

15 Die armselige Ausgrenzung oder Reichtum durch Aufnahme und Integration http://www.fuehlenunddenken.de/2016/09/29/gegen-ausgrenzung-abschottung-ungleichheit-und-hierarchien-fuer-offenheit-solidaritaet-und-willkommenskultur/ & Evolution, Denken, KulturDas soziale Gehirn und die Entstehung des Menschlichen; Clive Gamble, John Gowlett und Robin Dunbar 2016

17 vergl. ebenfalls Krankheit und Heilung – „… dass unser Umgang mit Kindern und Säuglingen, wie wir sie repräsentieren und damit zugleich, wie wir mit der eigenen (frühen!) Kindheit umgehen, einen Zugang zu ihr finden, ihn ausbilden und in ihm leben, am wesentlichsten dafür entscheidend ist und sein wird, ob und wie die Menschheit überlebt und damit ebenso zusammenhängend, ob und wie wir als Individuen mental und physisch krank werden oder gesunden.“

18 J. M. Barrie – Peter Pan 2010 Anaconda Verlag S. 142

19 vergl. a.: Paul Klee – Über die moderne Kunst – Benteli Verlag Bern 1979

20 vergl. a: Invisible Man – Ralph Ellison – Penguin Modern Classics 2016 S. 92: „… he has eyes and ears …, but he fails to understand the simple facts of life. Understand. Understand? It´s worse than that. He registers with his senses but short-circuits his brain. Nothing has meaning. He takes it in but he doesn’t digest it. Already he is … a walking zombie! Already he’s learned to repress not only he’s emotions but his humanity. He’s invisible a walking personification of the Negative … The mechanical man!“

22 verlgl. a.: Monogamie als evolutionäre Sackgasse – Evolution, Denken, Kultur – Das soziale Gehirn und die Entstehung des Menschlichen – Clive Gamble, John Gowlet, Robin Dunbar – Springer Spektrum 2016 S. 101

23 vergl. a: „… noch toter als tot.“ Cervantes – Don Quijote – … Novelle vom „Maßlos Wissbegierigen“ dtv 2016 S. 361

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Ein Kommentar zu Liebe und Freiheit sind unzertrennlich!

  1. Michael sagt:

    Antwort auf eine Mail von Florian Keller (WOZ-Redaktion Kultur/Wissen)

    vielen Dank für Ihre Antwort. Es ist allerdings nicht so, dass ich einfach nur gefordert habe, dass Sie meine Erwiderung vollständig abdrucken. Das finde ich sehr ermüdend, dass Sie sich so lang Zeit lassen, dann erst nach meiner Nachfrage überhaupt antworten und jetzt schließlich so tun, als hätte ich nur eine solche Maximalforderung gestellt.

    Ist das Ihre Art mit Kritik und Einwänden an Ihrer journalistischen Arbeit umzugehen?

    Also für Sie noch mal zur Wiederholung, was schon in meiner ersten Mail stand: Wie wäre es mit einer Verlinkung meines Textes auf Ihrer Internetseite, einem entsprechenden Hinweis in der Printausgabe und einer Stellungnahme von Ihnen zu meinen Forderungen?! Oder der Abdruck von Fazit und Forderungen meines Textes und Ihre Erwiderung darauf?

    Schwach und anmaßend finde ich Ihre Abwertung meines Textes durch den Hinweis, er würde nicht Ihren Kriterien von „journalistischen Vermittlung“ entsprechen. Eine Begründung oder auch nur einen Hinweis, wo denn solche Kriterien zu finden seien, halten Sie dann schon nicht mehr für nötig.

    Was also sind Ihre Kriterien für journalistische Vermittlung? Wie so viele andere Medien auch, in die Falle zu tappen, eine Frage wie „Gibt es ein Recht auf Sex?“ vor allen aus Anlass des Spektakels eines Amoklaufs und von Hassbotschaften und Vergewaltigungsphantasien von Inceln zu diskutieren? (Auch das noch mal für Sie zur Wiederholung!) Nicht aber an Hand der Menschen, die nicht aggressiv, still und vernachlässigt ihre (sexuelle) Isolation selbst erleiden, welche krank werden und sterben?

    Diese Leute sind Ihnen trotz meiner so oft wiederholten Hinweise und Nachfragen trotzdem egal? Sie haben keine Ahnung was ein solches Hinhalten auch (vielleicht!) in Leuten wie mir auslösen tut und verursachen kann? Zu dem Thema finden Sie übrigens in einem Ihrer Beträge ebenfalls sehr explizite Hinweise: „Wer nicht antworten kann, will sich nicht verändern, oder, um es mit einem Begriff von Jean-Luc Nancy zu sagen: Er will sich nicht «ver-andern». Wie liesse sich im Alltag, aber auch in den Medien eine neue Zuhörfähigkeit erzeugen?“

    Was ist Ihr Beitrag(?!) „für den täglich beschworenen Dialog als Mittel der politischen Bildung“?! (Vergl.: https://www.woz.ch/-92b1 «Was tun gegen die Gefühle, mit denen Menschen sich ihre ‹Selbstbestimmung› zimmern?» WOZ Nr. 47/2018 vom 22.11.2018)

    Die Redaktion der WOZ, möchte bisher nur von der großen Bühne Ihrer Wochenzeitung herab vermitteln (lassen). In diesem Fall von Frau Professorin Amia Srinivasan die Diskussion der Frage, ob es ein Recht auf Sex gibt. Das ist Ihnen so lästig, wenn Einwände, Kritik und Nachfragen von unten und von außerhalb Ihrer journalistischen Kriterien kommen?!

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